Gleichheit – ins Absurde verkehrt

21. November 2005, 14:41
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Das französische Integrationsmodell scheitert an seinen Prinzipien und politischer Passivität

Paris - Es macht Frankreichs Reiz aus und ärgert die übrige Welt immer wieder: In der Grande Nation klaffen Anspruch und Wirklichkeit so weit auseinander wie wohl nirgendwo sonst. Das gilt auch für das Prinzip der "égalité", die auf die Revolution von 1789 zurückgeht und noch heute die Grundlage der Ausländerintegration à la francaise bildet. Die Citoyens sind grundsätzlich gleich und gleichberechtigt, denn: Weder die Hautfarbe noch die Religion noch ein anderes Merkmal darf freie, gleiche und brüderliche Menschen voneinander unterscheiden.

Die Realität hält natürlich nicht mit: Frankreich ist ein sehr hierarchisches Land. Zuoberst thront der allmächtige Präsident, früher der König; darunter folgt eine kleine Elite, und zuunterst lebt die breite Basis, das heißt die eingewanderten Banlieue-Millionen. Ein "unsichtbares Glasdach", so die kamerunische Schriftstellerin Calixthe Beyala, verhindert ihren Aufstieg: In der französischen Nationalversammlung sitzen unter den 555 Festland-Abgeordneten.

Ist das französische Modell gescheitert?

Jetzt, da die Vorstadtjugend wieder einmal aufbegehrt und Frankreich die schlimmsten Unruhen seit Mai 1968 beschert ? in der Nacht auf Freitag ließen sie erstmals seit Tagen nicht nach ?, liegt die Frage natürlich nahe: Ist das französische Modell gescheitert? Die Antwort ist weniger klar, als es zunächst scheint.

Etwas stimmt: Frankreich hat die hehre Idee der "égalité" zum Teil bis ins Absurde verkehrt: Wegen des Gleichheitsgebotes sind ethnische oder konfessionelle Statistiken und Erfassungen untersagt; dies verunmöglicht aus Prinzip Antidiskriminierungs- oder Förderungsmaßnahmen. Darauf verweisen jetzt vor allem US-Kritiker.

Doch die schöne Idee namens Frankreich, wie sich Charles de Gaulle ausdrückte, hat auch ihr Gutes. Erhebungen zeigen, dass die überwiegende Mehrheit der maghrebinischen Jungbürger an Frankreich hängt ? und gerade deshalb aufbegehrt, weil die Nation ihr Gleichheitsversprechen nicht einlöst. Nicht der Anspruch ist schlecht, sondern die fehlende Umsetzung.

Im Unterschied etwa zu vielen deutschen Türken, die gar keine "Gleichheit" im Sinn der Staatsbürgerschaft erwarten und verlangen, erheben die französischen Bürger aus der "Bannmeile" (Banlieue) eben Forderungen, die den hohen Ansprüchen angemessen sind. Das heißt, sie tun es auf eine sehr französische Weise: Mit der Gewalt der Straße, wie das in Frankreich seit 1789 Brauch ist und wie es die Eisenbahner bei ihren Streiks noch heute vormachen. Eine französische Banlieue-Revolte fällt deshalb heftiger aus als anderswo, heftiger auch als in Großbritannien, wo nicht einmal halb so viele Immigranten leben wie in Frankreich.

Die Passivität der Politiker

Dass die Grande Nation ihr Integrationsversprechen nicht einlöst, hat seinen Grund wohl weniger im Modell als in der Passivität ihrer Politiker. Jetzt herrscht plötzlich wieder hektische Betriebsamkeit. Das nationale Arbeitslosenamt ANPE hat zum Beispiel bereits einen "Monsieur Banlieue" ernannt; dieser gibt seinen lokalen Filialen nun konkrete Anweisungen zur Weiterbildung schlecht ausgebildeter Arbeitsloser oder gegen die Diskriminierung bei Jobbewerbungen diplomierter‑ "Beurs" (nordafrikanischer Franzosen).

Plötzlich scheint vieles möglich in Frankreich, was die Förderung junger Banlieue-Jugendlicher anbelangt. Auch das ein Beleg, dass gar nicht so sehr das Integrationsmodell den Ausschlag gibt, sondern der politische Wille. (DER STANDARD, Printausgabe, 12./13.11.2005)

Von Stefan Brändle aus Paris
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