Wege in der unsichtbaren Stadt

21. November 2005, 11:37
posten

Die Wahrnehmung von Blinden im öffentlichen Raum im Test

Der relativ kurze Weg entlang zweier Häuserblöcke kann sich als unendlich langer Hindernislauf entpuppen, wenn man ihn mit anderen Augen – nämlich mit verbundenen – geht. Davon konnten sich Interessierte am Donnerstag bei einer Führung im Wallensteinviertel in Wien-Brigittenau überzeugen – Zweck der Übung war, die Orientierung von Blinden im öffentlichen Raum spürbar zu machen. Begleitet von Mitarbeitern der "Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen" hieß es, einmal um die nächste Straßenecke und zurück zu gehen – was für Ungeübte ein quasi bewusstseinserweiterndes Wagnis darstellt.

Nur mit einem Blindenstock als Erweiterung von Händen und Füßen sowie geschärften Hör- und Riechsinnen bewaffnet, wächst sich jede Unebenheit oder Pflasterung zu seltsamen Widerständen aus. Menschen tauchen aus dem Nichts auf, nur erkennbar am Rascheln von Plastiksackerln oder dem Luftzug auf der Haut, wenn sie sich nicht gerade durch Schuhe mit Absatz oder Stimmen ankündigen. Da eines der wichtigsten Orientierungsmittel im Stadtgebiet das Berühren der Hausmauer mit dem Stock ist, bekommen unterschiedliche Materialien, wie Metall oder Holz aufgrund ihres Klanges eine ganz neue Bedeutung.

Erfahrungsaustausch

Peter Payer, Stadtforscher, Mitarbeiter der Gebietsbetreuung Brigittenau und Ideengeber der Aktion "Unsichtbare Stadt", möchte vor allem "einen direkten Erfahrungsaustausch ermöglichen" und auf die auf die Probleme hinweisen, auf die Blinde und Sehbehinderte im öffentlichen Raum stoßen. Derlei gibt es auf belebten Straßen viele, was den Sehenden erst durch den Selbsttest auffällt: Seien es Verkaufsstände und Pflanzen vor Geschäften, Container, Werbetafeln, Postkästen oder zu niedrig angebrachte Verkehrsschilder, die nicht im Radius des Taststockes liegen. Ganz zu schweigen vom Überqueren von Kreuzungen, denn allein die Motorengeräusche lösen Angstgefühle aus.

Akustisch und taktil
Ein immens wichtiges Hilfsmittel sind akustische Ampeln, die signalisieren, wann die Ampel auf Grün schaltet. "Derzeit sind 260 von knapp 1200 Ampeln in Wien mit akustischen Signalen ausgestattet", erläutert Wolfgang Kremser vom Verkehrsgremium des Österreichischen Blinden- und Sehbehindertenverbandes. Seit Ende 2002 müssen zwar alle neuen Anlagen hörbar sein, die Nachrüstung von alten Ampeln sei aber extrem teuer.

Wie sich die Situation rund um den Wallensteinplatz gestaltet, dokumentiert noch bis zum 2. Dezember eine Fotoausstellung der Gebietsbetreuung und des Grätzelmanagements Brigittenau. Das Zurechtfinden in Parks etwa ist aufgrund fehlender Randsteine fast unmöglich anderswo stellen Baustellengerüste oder niedrige Randsteine – für Menschen im Rollstuhl von großem Vorteil – eine Gefahr dar. Aber es gibt auch positive Beispiele: Immer öfter werden bei der Neugestaltung von Verkehrsflächen taktile Leitsysteme integriert, wie sie in U-Bahn-Stationen üblich sind. Aufgrund des Interesses sollen künftig weitere Führungen angeboten werden. (Karin Krichmayr/DER STANDARD; Printausgabe, 12./13.11.2005)

Share if you care.