Nach Flucht aus Wiener U-Haft auch falscher Anwalt geschnappt

13. November 2005, 19:23
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27-jähriger Helfer bekommt Prozess wegen Begünstigung - Möglicherweise auch richtiger Advokat in spektakuläre Flucht des Geldfälscher-Bosses Dimitr K. verwickelt

Seit Anfang Oktober sitzt der am 13. April 2005 aus der U-Haft im Wiener Straflandesgericht geflüchtete Ivan Ivanov, der in Wahrheit Dimitr K. heißt, wieder hinter Schloss und Riegel. Der mutmaßliche Kopf einer internationalen Fälscherorganisation wurde in Bulgarien verhaftet, als er seine Gruppierung umstrukturieren wollte. Nun konnte auch sein damaliger Fluchthelfer ausgeforscht werden, der im Landesgerichtlichen Gefangenenhaus als falscher Anwalt aufgetreten war. Ob dabei auch ein richtiger Advokat eine gewisse Rolle gespielt hat, wird überprüft.

Wie der zuständige Wiener Staatsanwalt Georg Krakow am Freitagnachmittag im Gespräch mit der APA bekannt gab, sitzt der Mann, der sich in der dem Gericht angeschlossenen Justizanstalt Josefstadt als Rechtsbeistand des 44-jährigen Bandenchefs deklariert hatte, mittlerweile genau dort in U-Haft. Der 27-jährige Kroate, der zuletzt in Deutschland gelebt hatte, befand sich unter jenen fünf Männern, die in einer Länder übergreifenden Aktion am 5. Oktober zeitgleich mit Dimitr K. in der Bundeshauptstadt festgenommen worden waren. Ihn erwartet nun zunächst für die Fluchthilfe ein Prozess wegen Begünstigung. Strafrahmen: Bis zu zwei Jahre Haft.

"Dickerer Fisch"

Zunächst waren die Ermittler davon ausgegangen, der Mann sei lediglich ein einfaches Mitglied der vor allem auf die Herstellung von täuschend echt aussehenden Euro-Blüten spezialisierten Bande. Doch rasch stellte sich heraus, dass den Behörden ein "dickerer Fisch" als angenommen ins Netz gegangen war: Bei den Unterlagen des 27-Jährigen fanden sich ein falscher Anwaltsausweis sowie ein ebenfalls getürktes Bestellungsdekret. Beides hatte er der Justizwache vorgelegt, als er sich als dessen vermeintlicher Verteidiger im Halbgesperre des Landesgerichtlichen Gefangenenhauses Dimitr K. vorführen ließ.

Der 44-jährige Ukrainer, der kein Deutsch spricht, hatte zuvor in seiner Zelle Wochen lang den Satz "Auf Wiedersehen!" einstudiert, um der Justizwache nicht aufzufallen, nachdem ihm der falsche Anwalt Kleidung und ein Mobiltelefon ins Gefängnis gebracht hatte. Die Sprachübungen hatten Erfolg: Ihm gelang es, unbehelligt die Sicherheitsschleuse zu überwinden, indem er vorgab, mit dem Handy zu telefonieren, und das Wachpersonal mit einem offenbar akzentfreien Gruß bedachte.

Möglicherweise auch richtiger Anwalt verwickelt

"Draußen hat schon ein Auto gewartet. Er hat sich hinein gesetzt und wurde weggebracht", berichtete Krakow. Auch der Fahrer des Pkw wurde mittlerweile geschnappt. "Er ist vor wenigen Tagen in Deutschland festgenommen worden", wusste der Staatsanwalt.

Möglicherweise war in die Sache in untergeordneter Rolle auch noch ein richtiger Anwalt verwickelt. Der Staatsanwalt wollte zum jetzigen Zeitpunkt nicht ausschließen, dass ein Wiener Jurist bei der Flucht eine gewisse Rolle gespielt haben könnte. Das sei aber noch Gegenstand laufender Erhebungen, hielt sich Krakow dazu bedeckt.

Die Sicherheitsvorkehrungen im Landesgerichtlichen Gefangenenhaus sind nach dem Vorfall sowohl in technischer als auch in baulicher Hinsicht verbessert worden. So ist es inzwischen unmöglich, einfach mit einem leicht nachzumachenden Ausweis ins Halbgesperre zu gelangen. Die Anstaltsleitung schließt aus, dass sich eine ähnlich Aufsehen erregende Flucht zukünftig wiederholen wird. (APA)

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