Unmut bei Wiener "Paradise Now"-Premiere

28. November 2005, 18:38
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Antisemitismus-Vorwürfe gegen Film über zwei palästinensische Selbstmord-Attentäter - Jüdische Filmwoche für Auswahl kritisiert

Wien - Für heftige Emotionen sorgte die Österreich-Premiere des umstrittenen Films "Paradise Now" im Rahmen der Jüdischen Filmwoche Donnerstag Abend im Wiener Urania Kino. Flugblätter und Publikumsstimmen während der Vorführung, die von einer anschließenden Podiums-Diskussion begleitet war, kritisierten den Streifen über zwei junge Palästinenser, die als Selbstmord-Attentäter angeheuert werden, als "antisemitisch".

Die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) hatte bereits im Vorfeld die Organisatoren der Filmwoche für die Programmierung des "Skandalfilms " kritisiert, der unter anderem bei der vergangenen Berlinale mit dem Amnesty International Filmpreis ausgezeichnet wurde und am 18.11. regulär im Kino startet. "Antisemitischer Wahnsinn", "Wo bleiben die Opfer?" und "Jetzt noch Jud Süß" tönte es während der Projektion aus dem Publikum. In dem von der Gruppe Cafe Critique verteilten Flugblatt wird dem Film von Hany Abu-Assad vorgeworfen, er rechtfertige und verharmlose die Selbstmord-Attentate, indem er Verständnis für die Täter zeige, aber die jüdischen Opfer ausspare.

Heftige Debatte

"Profil"-Kulturchef Stefan Grisseman und Renate Schmidt-Kunz von der ORF-Abteilung Religion betonten dem gegenüber in der immer wieder von Unmutsäußerungen aus dem Auditorium begleiteten Diskussion, der Film stelle in großer Ausgewogenheit die kontroversen Positionen auch innerhalb der palästinensischen Gemeinschaft dar. "Ich glaube nicht, dass er in Damaskus ausschließlich Applaus bekommen würde", meinte auch Tarafa Baghajati, Vizepräsident des ENAR's European Network against Racism und Mitbegründer des Initiative moslemischer ÖsterreicherInnen. Der Islam verurteile im übrigen Attentate.

Die Debatte spitzte sich auf die Grundsatz-Frage zu, ob der Nahost-Konflikt ein religiöser oder politischer sei. Heftig wies Baghajati die unter anderem von IKG-Mitglied Willi Weisz geäußerte "ungeheure Unterstellung" zurück, palästinensische Organisationen würden zum weltweiten Judenmord aufrufen. "Was in Israel passiert, ist kein Antisemitismus, sondern es geht um die Okkupation", so Baghajati. Wenn man in Palästina sage "Die Juden kommen", meine man damit israelische Soldaten, nicht generell Juden, das sei aber ein linguistisches Problem.

"Fehl am Platz"

Auch der Zeitgeschichtler Frank Stern verwies darauf, dass aus Protokollen verhinderter Selbstmordattentäter keineswegs Antisemitismus als gemeinsamer Nenner sichtbar werde, das Thema vielmehr sehr komplex sei. Antisemitische Einstellungen und "Israel-Bashing" seien aber eng verknüpft, meinte Weisz, während die Publizistin und Historikerin Rita Koch, ebenfalls IKG-Mitglied, betonte, der europäische Antisemitismus lasse sich schwer vergleichen mit antijüdischen Animositäten in anderen Kulturen. Der Streifen müsse im Kontext des weltweiten Terrorismus gesehen werden und sei als absolut politischer Film in einer Jüdischen Filmwoche "fehl am Platz", auch wenn er hinsichtlich seiner Brisanz überbewertet werde.

Laut dem deutschen Ko-Produzenten Gerhard Meixner hat der Film nur im deutschsprachigen Raum derart starke Kontroversen ausgelöst. In Frankreich und den USA sei er von der Kritik und auch von jüdischer Seite gut aufgenommen worden, ebenso in Israel. Die israelische Zensur-Behörde habe ihn "exzellent" bewertet, der israelische Filmfonds unterstütze den Verleih.

Die Organisatoren des Cambridge Film Festival hatten den Film im Juli nach den Londoner Terroranschlägen allerdings aus dem Programm genommen.(APA)

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