Vranitzky erhält hohe jüdische Auszeichnung

11. November 2005, 17:37
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Altkanzler mit Goldener Medaille von B'nai B'rith für Engagement bei der Aufarbeitung der Geschichte Österreichs seit 1945 sowie Beziehungen zur jüdischen Gemeinschaft geehrt - Mit Kolumne

Wien - Altbundeskanzler Franz Vranitzky (S) hat Donnerstag Abend die höchste Auszeichnung der internationalen jüdischen Organisation B'nai B'rith erhalten. In Anwesenheit zahlreicher prominenter Persönlichkeiten, darunter Bundespräsident Heinz Fischer und Deutschlands Innenminister Otto Schily, wurde Vranitzky in Wien mit der Goldenen Medaille von B'nai B'rith ("Söhne des Bundes") für sein Engagement bei der Aufarbeitung der Geschichte Österreichs seit 1945 und für seine engen Beziehungen zur jüdischen Gemeinschaft geehrt.

Mit der Golden Medaille der seit 1843 bestehenden größten jüdischen Hilfsorganisation wurden bisher unter anderen der frühere US-Präsident Dwight D. Eisenhower, der ehemalige israelische Ministerpräsident David Ben Gurion, die einstige israelische Regierungschefin Golda Meir und der deutsche Altkanzler Helmut Kohl ausgezeichnet, wie der Vorsitzende des Exekutivausschusses von B'nai B'rith International, Moishe Smith, betonte. Vranitzky werde für seinen Mut geehrt, sich mit den Sünden der Vergangenheit auseinander gesetzt zu haben.

Vranitzky hatte bei einer Rede im österreichischen Parlament im Jahr 1991 erstmals die Mitschuld Österreichs an der Shoa öffentlich einbekannt und als erster österreichischer Regierungschef Israel besucht. "Wir bekennen uns zu allen Daten unserer Geschichte und zu den Taten aller Teile unseres Volkes, zu den guten wie zu den bösen; und so wie wir die guten für uns in Anspruch nehmen, haben wir uns für die bösen zu entschuldigen - bei den Überlebenden und bei den Nachkommen der Toten", hatte Vranitzky damals erklärt. Dafür hatte er 1993 die Ehrendoktorwürde der Hebräischen Universität in Jerusalem erhalten.

In seiner Dankesrede betonte der frühere Bundeskanzler, es gebe heute keineswegs, wie manchmal behauptet, ein "Übermaß" an Aufarbeitung der Verbrechen des Nationalsozialismus. Zugleich kritisierte er, dass im Gedenkjahr 2005 bei allem Jubel über den Staatsvertrag 1955 das Jahr 1945 doch "verhältnismäßig wenig belichtet" worden sei. "Es hätte besser kommen können", meinte Vranitzky, wenn man die Vertriebenen zur Rückkehr eingeladen hätte. Zudem warnte er vor Versuchen einer "kompensatorischen Aufrechnung" der NS-Verbrechen etwa mit dem Stalin-Regime.

Der scheidende deutsche Innenminister Schily, der den wegen Koalitionsverhandlungen verhinderten Bundeskanzler Gerhard Schröder vertrat, strich in seiner Laudatio den Beitrag Vranitzkys für ein vereinigtes Europa hervor, "das der Idee einer freien, gerechten Gesellschaft verpflichtet ist". Vranitzky, der seit seiner Kindheit Abneigung gegen das NS-Regime empfunden habe, habe sich durch ein "klares Geschichtsbewusstsein und einen zuverlässigen Wertekompass" ausgezeichnet und beständig auf die Verantwortung für die Vergangenheit hingewiesen.

Victor Wagner, Präsident der österreichischen B'nai B'rith Zwi Perez Chajes Loge, würdigte die "klare Sprache" Vranitzkys in Hinblick auf die NS-Verbrechen und den Antisemitismus. "Dank Ihnen sind wir heute mit Stolz österreichische Juden", so Wagner. Der Kniefall des früheren deutschen Kanzlers Willy Brandt in Warschau habe Deutschland befreit, "Sie mit Ihrem Wirken haben Österreich befreit", fügte er hinzu. (APA)

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