Die große Kunst der kleinsten Welten

15. November 2005, 15:08
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Dioramen des Wiener Bluesmusikers Erik Trauner in der Zinnfigurenwelt Katzelsdorf

Wien - Die "Bananenplantage in Deutsch-Ostafrika" ist "beim Frühstück entstanden. Als ich ein Kümmelweckerl gegessen hab", erinnert sich Erik Trauner. Da saß er nämlich in der Josefstadt vor den herunter gerieselten Kümmelkörnern und hatte die maßstabgetreue Inspiration: Das sind Bananen.

Womit wieder einmal eine monatelange mühsame und von regelrechter Besessenheit getragene Fitzelarbeit ihren Ausgang nahm - denn so lange dauert es, bis Erik Trauner eine seiner "Miniwelten" fertig gestellt hat.

Der Frontman

Mit dieser miniatürlichen Beschäftigung hat es Trauner zum zweiten Mal zu internationalem Ansehen gebracht. Die singuläre Beschäftigung Trauners, die ihm zu Ruhm verhalf, ist hingegen sein Spielen und Singen - als Frontman der legendären Mojo Bluesband.

Das zweite Standbein entwickelte sich hingegen weniger auf der Bühne, sondern im Stillen, geradezu heimlich: Begonnen hatte es, als Trauner Zehn wurde und ihm sein Vater einen Satz Airfix-Maxerln zum Geburtstag schenkte. "Dann, als Pubertierender, hab i mi geniert dafür", erinnert er sich. Sogar später noch, als er weiblichen Besuch daheim empfing, räumte er vorher immer noch die Miniaturen-Werkstatt beiseite - "irgendwie war das bei meinem damaligen Klischee eines Bluesmusikers ein bisserl uncool."

Einer der Großen

Jetzt allerdings ist Trauner in der einschlägigen Szene (der Modellbauer) längst als einer der Großen unter den Kleinsten bekannt. Und so wird im auch in der Zinnfigurenwelt Katzelsdorf bei Wiener Neustadt - immerhin die weltweit zweitgrößte ihrer Art - bis zum 30. Juni 2006 eine Sonderausstellung gewidmet: 32 Dioramen Trauners werden gezeigt; alle im unglaublich kleinen Maßstab von 1 : 72.

Ein Damenstrumpf

Eine Arbeit ist das, der schon vor dem handwerklichen Beginnen aufwändige Recherchen voran gehen. Und dann erst die kniffelige Frage, welches Material was darstellen kann. "Senftuben werden Hüte, Wurzeln sind Bäume, Hanf wird zu Gras, das kannst so herrlich zernudeln", erläutert Trauner. Und: "Dieses Fischernetz war ein geiler Damenstrumpf." Dem anerkennenden Kommentar "auf sowas musst erst einmal kommen" begegnet der Kleinkünstler mit: "Solche Damen, die sowas tragen, musst erst einmal kennen lernen!"

Bergziegen-Studium

Alle Miniaturwelten Trauners zeigen historische Szenen bis zum Ersten Weltkrieg. Mit einer kleinen Ausnahme, dem autobiografischen Werk mit dem Titel: "Erik mit Ex auf Kretaurlaub, Bergziegen studierend."

Die anderen dreidimensionalen Gemälde zeigen Szenen wie "Carpe Diem" - das historische Rom, "Oregontrail" - ein Siedlertreck (seit dieser Woche mit neuen Geiern) und einiges aus der K.u K. Monarchie. "Diese Zeit ist vor allem wegen der technologischen Entwicklungen hochinteressant." Höhepunkt: Das Attentat von Sarajewo - für das er sogar das Automobil im Arsenal vermessen hatte.

Und dann noch die wohl nahe liegendste Frage: Ob die Arbeit an den Dioramen gegen den Blues helfe? "Im Gegenteil", lacht Trauner. "Da haut's dir ja manchmal den Vogel raus. Da musst erst Musik machen, damitst das derpackst." (Roman David-Freihsl, DER STANDARD Printausgabe, 11.11.2005)

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    foto: gamuekl
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