Häuser von Frauen für Frauen gebaut

10. November 2005, 20:15
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Pilotversuch für "frauen- und alltagsrechtes Wohnen" in Linz gilt als Erfolg - Männer suchen Wohnungen nach anderen Kriterien

Linz - Sie gilt als das städtebauliche Leitprojekt im geförderten Wohnbau. Die Anlage auf dem Areal der einstigen Straßenbahnremise in Linz-Urfahr. Zum ersten Mal haben dort Frauen für Frauen gebaut - im Auftrag der Wohnungsgesellschaft WAG. Wie lebt es sich in diesem "Pilotversuch für frauen- und alltagsrechtes Wohnen". Dieser Frage ging die Linzer Soziologin Claudia Hahn nach.

Subjektives Sicherheitsempfinden sehr hoch

Vor genau vier Jahren bezogen Singels, Alleinerzieherinnen, Studentinnen, Familien und Pensionistinnen die 113 Wohnungen. Ihre Eindrücke sowie die der männlichen Bewohner wurden jetzt von Hahn erfragt. Die Ergebnisse der schriftlichen Erhebung fielen durchwegs positiv aus. Angsträume wie verwinkelte Treppenhäuser, uneinsichtige Tiefgaragen oder dunkle Wäschetrockenräume sollen laut Bauplan im Remisenhof nicht existieren. Und dies scheint gelungen. Mehr als 90 Prozent der Befragten bewerten die Anlage als "hell und freundlich". "Das subjektive Sicherheitsempfinden ist sehr hoch", schlussfolgert Hahn. So seien die Wege zu den Ausgängen der Tiefgarage sehr kurz und übersichtlich. Durch Oberlichten fällt Tageslicht in die Garage. Die Trockenräume wurden nicht in den Keller verbannt, sondern im Erdgeschoss eingerichtet, mit einer Glasfront in den Innenhof.

Die Stiegenaufgänge sind ebenfalls einsehbar - in einem Haus wird diese Offenheit jedoch als gefährlich empfunden. Fremde Personen können dort ungehindert bis zu den Wohnungstüren gelangen. Sonst wird dies durch verschließbare Haustüren verhindert.

Ein weiteres Kriterium

Doch frauengerechtes Bauen bedeutet nicht nur Vermeiden von Angsträumen. Die Wohnungen müssen im Alltag praktikabel sein, sagten sich die Architektinnen Marlies Binder (Graz) und Heide Mühlfellner (Salzburg). Dies heißt große Kinderzimmer und Küche; durch raumhohe Schiebetüren können die Zimmergrößen nach Bedarf verändert werden. Ziel der Architektinnen war es "durch einen flexiblen Grundriss die Wohnungen der Lebenssituation anzupassen". Diese Raumaufteilung finden 75 Prozent der Befragten "perfekt".

Die Wohnung selbst sowie das Projekt an sich machen für die Frauen den besonderen Reiz der Anlage aus. Beiden Punkte standen ganz oben auf der Liste der Entscheidungsgründe für den Einzug in den Remisenhof. Bei den Männern hingegen waren Preis und die Option für den Mietkauf ausschlaggebend. Ein weiterer geschlechterspezifischer Unterschied: Die zentrale Lage in Linz und damit die gute Anbindung an die öffentlichen Verkehrsmittel überzeugen die Bewohnerinnen, ihre Lebensgefährten finden diesen Aspekt weniger wichtig.

Oberösterreichs SPÖ-Wohnbaulandesrat Hermann Kepplinger hatte bei der Soziologin die Evaluierung der WAG-Wohnanlage in Auftrag gegeben. Dass Interesse an frauenspezifischen Wohnen vorhanden ist, zeigte sich schon im Vorfeld das Projektes. Bereits ein Jahr vor Baubeginn waren alle Wohnungen vergeben. "Es ist nun an der Zeit auch in Oberösterreich die verschiedenen Kriterien für Frauen- und Alltagstauglichkeit überall im Wohnbau umzusetzen", kündigt Kepplinger für künftige geförderte Bauvorhaben an. (Kerstin Scheller/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.11. 2005)

  • Remisenhof in Linz-Urfahr: ein geschlechterspezifisches Wohnprojekt, das offenkundig funktioniert.
    foto: standard/wag
    Remisenhof in Linz-Urfahr: ein geschlechterspezifisches Wohnprojekt, das offenkundig funktioniert.
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