ICE-Deal mit China vor Abschluss

21. November 2005, 15:05
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Nach mehreren Jahren zäher Verhandlungen und zahlreicher Rückschläge errringt deutsche Siemens AG wieder Großauftrag zur chinesischen Bahnmodernisierung

Voraussichtlich kommenden Freitag wird in Anwesenheit von Staatschef Hu Jintao und dem noch amtierenden Bundeskanzler Gerhard Schröder in Berlin der Vertrag zwischen Siemens und den Tangshaner Wagonwerken unterschrieben. Um den Preis und um Einzelheiten des Technologietransfer wird wie bei Großdeals in China üblich noch bis zur letzten Minute gerungen. Aus Industriekreisen wurde ein Auftragswert von rund einer Milliarde Euro genannt.

Die Züge, die für Chinas Bahnsysteme verbreitert werden müssen, sollen weit gehend in China gebaut werden, die Kerntechnologie aber in Deutschland bleiben. Die Lieferung der bis zu 300 Stundenkilometer schnellen Zugsysteme auf der Grundlage des ICE 3 ist das wichtigste unter den neun Wirtschaftsabkommen, die Hu Jintao bei seinem Deutschlandbesuch vereinbaren will.

Der Gesamtwert soll sich auf 1,3 bis 1,4 Mrd. Euro addieren. Darunter soll auch eine 14 Prozent Beteiligungsinvestition der Deutschen Bank und Sal.Oppenheim an Chinas Huaxiabank besiegelt werden. Airbus macht sich Hoffnung, eine Großbestellung seiner Typen A 320, A 330 bis A 350 noch in die Auftragsmappe Hus hineinzubekommen. Eine Stückzahl von 20 bis 150 Flugzeugen sei in der Diskussion. Chinas Planer stimmten sich noch ab, hieß es in Peking, da im Dezember Premier Wen Jiabao nach Paris fährt und dort ebenfalls Airbus-Aufträge vergeben soll.

Siemens holt in Chinas Bahnbereich wieder auf, nachdem es vor Jahren bei den Ausschreibungen des Eisenbahnministeriums für insgesamt 200 Passagiertriebzüge zur Beschleunigung von fünf chinesischen Eisenbahnstrecken auf Tempo 200 nicht zum Zug kam. Die Deutschen überwarfen sich mit ihrem damaligen Partner, den Changchuner Wagonwerken, über Fragen ihrer Beteiligung am Werk und des Technologietransfers. Peking vergab den drei Mrd.-Euro-Auftrag anteilig mit jeweils 60 Zügen an die französische Alstom, Japans Kawasaki Heavy Industries und Kanadas Bombardier.

Tempo 300

Die Siemens-Technologie des ICE 3, die auf Strecken in Nordostchina eingesetzt werden soll, eignet sich für beide Beschleunigungsprogramme des chinesischen Eisenbahnministeriums für die Tempopläne 200 ebenso wie für das neue Programm Tempo 300.

Die 1881 gegründeten Tangshaner Eisenbahnfabrik Chinas wirbt bereits bei den Fachhochschulen Chinas um Fachkräfte für "ihre Kooperation mit Siemens." Die Dalianer Verkehrsuniversität annoncierte auf ihren Webseiten die Ausschreibung des Unternehmens für 2006. Tangshan Wagonwerke wurden nun zusätzlich zu ihrem Stammkapital von 280 Mio. Euro mit 80 Mio. Euro vom Staat für ihre Modernisierung gefördert.

Siemens Mitarbeiter reagierten auf die Nachricht erleichtert, da der Deal offenbar zustande kommt. Anfang November hatte es beim Jahrestreffen des Management in Tianjin geheißen, dass die Verhandlungen über die ICE-Fertigung noch nicht im Trockenen sein. Der Abschluss passt zur Maxime von Siemens-Chef Klaus Kleinfeld, der in China auf das Volumengeschäft setzt und den Umsatz bis 2010 auf rund zehn Mrd. Euro verdoppeln will.

Vor allem gibt es der leidenden Sparte TransportationsSystems (TS) einen neuen Antrieb. "Für dieses Sorgenkind ist das ein fetter Brocken." Beamte des chinesischen Außenministeriums betonten aber, dass der Schwerpunkt der Reise von Staatschef Hu nicht auf neue Wirtschaftsabschlüsse, sondern auf ei- ner Intensivierung der wirtschaftspolitischen und kulturellen Zusammenarbeit liegt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.11.2005)

Johnny Erling aus Peking
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    Rasanter Export nach China: ein ICE mit Neigetechnik. Beim Besuch des chinesischen Staatspräsidenten Hu Jintao in Berlin soll der Vertrag mit Siemens unterzeichnet werden.

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