Lizenzen für ein Geburtstagsständchen

23. Dezember 2005, 12:14
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Während die digitalen "Datenherren" mit Patentrechten ihre Herrschaftsbereiche auszuweiten versuchen, formieren sich weltweit Gegenbewegungen, die einen freien Informationsfluss fordern. In Bangalore wird über die Copyright-Problematik diskutiert

Wenn einem die Sitznachbarn im Zug auf das Notebook schielen, während man sich gerade mit dem "Tagebuch von Bridget Jones" amüsiert, macht man sich einer Copyright-Verletzung strafbar - davon setzen einen die Universal Studios zu Beginn der DVD stets aufs Neue in Kenntnis.

"Alice im Wunderland"

Weniger bekannt ist dagegen, dass das Lied "Happy Birthday to You" über Umwege in den Besitz von Time Warner geraten ist, wodurch ganze Heerscharen von Gratulanten bei öffentlichem Absingen zu unfreiwilligen Delinquenten werden: Bis 2030 reicht das Copyright des Medienkonzerns. Ein ähnlich absurdes Copyright hatte auch der Softwareanbieter Adobe im Sinn, der "Alice im Wunderland" als E-Book anbietet. Adobe wollte nicht nur das Kopieren verhindern, sondern auch das "laute Vorlesen" des Buches - eine Klausel, die später wieder geändert wurde.

Wer nicht zahlt, stiehlt

Der mächtigste Mitstreiter, Microsoft, startete seine Urheberrechtskampagne bereits Mitte der 90er-Jahre. Im Jahr 2003 unterstützte die Motion Pictures Association of America mit mehr als 200.000 Dollar eine Kampagne, die Schulkindern unter dem Titel "A Guide to Digital Citizenship" den "moralisch und ethisch" richtigen Umgang mit geistigen Eigentum weisen sollte: "If you haven't paid for it, you have stolen it!", lautete die einigermaßen simple Message - wobei freilich verschwiegen wird, dass die riesigen Medienkonzerne nur deswegen so groß geworden sind, weil sie sich lange vor den umfassenden internationalen Copyright-Bestimmungen geistiges "Allgemeingut" (u. a. die Märchen der Gebrüder Grimm) angeeignet haben.

Welturheberrecht

Seit 1974 kümmert sich die "World Intellectual Property Organization" (WIPO) im Auftrag der UNO weltweit um das Urheberrecht. In den 80er-und 90er-Jahren haben sämtliche Regierungen der Welt damit begonnen, auch so genannte "Immaterialgüter" mit Copyrights zu schützen, 1995 trat das "Agreement on Trade-Related Aspects of Intellectual Property Rights" (TRIPS) in Kraft. Laut Peter Drahos, Rechtsprofessor an der Australian National University, wird sich das umstrittene Abkommen auf Entwicklungsländer wie ein "stiller Tsunami" auswirken. Zu der drastischen Metapher griff Drahos, weil Indien das Übereinkommen am Tag der Tsunami-Katastrophe übernahm.

"Damit niemand vom Leben und Tod anderer profitiere"

Für die indische Pharmaindustrie, die aufgrund spezieller Patentrechte zu den weltweit führenden Herstellern von Generika zählte, bedeutet dieses Gesetz das Ende der Herstellung dieser viel billigeren, aber wirkstoffgleichen Nachahmerpräparaten. Und während in der Vergangenheit medizinische Präparate von Langzeitpatenten von Urheberrechten ausgespart blieben, "damit niemand vom Leben und Tod anderer profitiere", werden in Zukunft wichtige Medikamente zur Behandlung von HIV oder Krebs für viele Menschen der Dritten Welt unerschwinglich sein.

Schwer

Weniger existenziell, aber doch schwer wiegend könnte sich TRIPS auch auf die westliche Forschung auswirken, warnt der Ökonom und Nobelpreisträger Joseph E. Stiglitz: Denn wenn "Ideen nicht mehr frei zugänglich sind, wenn geistige Eigentumsrechte die Möglichkeit beeinträchtigen, die Ideen anderer zu nutzen und weiterzuentwickeln, wird auch der wissenschaftliche Fortschritt der Industrieländern darunter leiden".

In allen Teilen der Welt haben sich inzwischen Gegenbewegungen formiert, die sich für den freien Informationsfluss einsetzen. Das Ziel: Information und Kulturen sollen als gemeinsam produzierte und genutzte Ressourcen als Allgemeingut ("Commons") angesehen werden.

"Copy-Wrongs"

In diesen Tagen diskutieren Experten, Künstler und Aktivisten im Rahmen des Projekts "World-Information City" in Bagalore "Copy-Rights and Wrongs" der Informationsgesellschaft. Veranstaltet wird die Konferenz vom Alternative Law Forum (ALF) in Bangalore gemeinsam mit der Wiener Medienkultur-Institution Netbase und anderen internationalen Partnern.

In der indischen IT-Metropole Bangalore wirken sich die Barrieren der Urheberrechte schon deutlich sichtbar aus. Die Fragmentierung der Stadt erfolgt ähnlich wie im digitalen Raum: Kulturelle Räume, die früher offen zugänglich waren, werden in Exportzonen, Schutzzonen, Gated Communities, No-Go-Areas und privatisierte IP-Claims unterteilt, die von immer weit reichenderen Patenten und Copyrights unter Kontrolle gehalten werden. Außerhalb der Softwareparks, in denen IT-Spezialisten exportorientierte Software produzieren, leben 40 Prozent der Bevölkerung in über 700 Slums. (Christa Benzer aus Bangalore, DER STANDARD Printausgabe, 11.November 2005)

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