US-Farmer singen den Blues: Bye, bye Agrarsubventionen!

21. November 2005, 14:34
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Senkung der Agrar­beihilfen gilt als wichtigster Punkt des WTO-Gipfels - Der amerikanischen Regierung gehen Zugeständnisse der EU nicht weit genug

Die Agrarwirtschaft ist das Rückgrat des US-Bundesstaates North Dakotas. Dan Hofland ist ein Farmer wie aus einem alten Westernfilm. Seinen Cowboyhut mit der breiten Krempe legt der 53-Jährige nie ab. Auch nicht, wenn er - speckige Lederhose, Daumen in der Gürtelschnalle - durch seine Fabrikhalle schlendert.

Hofland war gerade Agraringenieur geworden, als seine Eltern, wie so viele, im Zuge von Rationalisierung und Globalisierung ihre kleine Farm aufgeben mussten. Seither setzt er alles dran, um zu beweisen, dass sich mit der Landwirtschaft immer noch gutes Geld verdienen lässt.

Innovative Verwertung

Hofflands Unternehmen Red River Commodities verarbeitet die Ernten von 800 Farmern. Der Erfolg basiert auf innovativen Verwertungen von Saatgut. Bis heute wurden zwölf Produkte entwickelt. Futtermischungen, um jeweils nur ganz bestimmte Singvogelarten in den Garten zu locken, sind dabei. Und vor allem: immer mehr Sonnenblumenkerne. "Sehr beliebt sind unsere Jim-Beam-Nüsse: die schmecken nach Whisky, enthalten aber kein Gramm Alkohol", strahlt Hoffland.

Eigeninitiative ist in der amerikanischen Agrarindustrie zur Voraussetzung geworden. Und das just unter einem Präsidenten, der, wie kaum einer zuvor, mit dem Image eines Farmers um die Wählergunst buhlt. George W. Bushs Ranchferien in Crawford, Texas sind ein Medienspektakel, seine legeren Auftritte im Karohemd ein Klassiker.

Kürzung beschlossen

Die Praxis: Der US-Senat hat just (am 4. November) beschlossen, die jährlichen Beihilfen bis 2011 um 1,3 Milliarden Dollar zu kürzen. Derzeit erhalten die US-Farmer jedes Jahr 20 Milliarden Dollar an Zuschüssen aus Washington. Weitere Reduzierungen sind vorprogrammiert: obwohl Hurrikan "Katrina" der US-Landwirtschaft Schäden in Höhe von fast 900 Millionen Dollar eingebracht hat und die anhaltende Trockenheit in der so genannten Kornkammer Amerikas (Arkansas, Illinois, Indiana, Missouri, Ohio und Wisconsin) bereits mit Ernteausfällen in Höhe von 1,3 Milliarden Dollar zu Buche schlägt.

Der US-Handelsbeauftragte Rob Portman will die Beihilfen für Farmer um 60 Prozent reduzieren und die geltenden Einfuhrzölle für Agrarprodukte aus dem Ausland sollen um bis zu 90 Prozent sinken. Das Vorhaben ist Teil der Doha-Runde zu einem umfassenden Abkommen, das den Entwicklungsländern einen besseren Zugang zu den Märkten der reichen WTO-Mitglieder verschaffen soll. Dafür soll bei einer Ministerkonferenz Mitte Dezember in Hongkong ein Rahmenabkommen geschlossen werden. Die Zugeständnisse, die die EU machen will, werden in den USA als unzureichend kritisiert.

Zwar will auch Brüssel die Subsidien um bis zu 70 Prozent senken, die Agrarzölle für Einfuhren in die EU sollen jedoch allenfalls um 35 Prozent bis 60 Prozent beschnitten werden. Portman spricht von einem "Schritt in die richtige Richtung". Aber es müsse noch sehr viel mehr getan werden. Die antiprotektionistische Haltung Washingtons kommt nicht von ungefähr. Die Agrarfrage ist eine wichtige Voraussetzung für die Schaffung der FTAA - eines zollfreien Riesenraumes von Alaska bis Feuerland mit 500 Millionen Kunden.

Keine Diskussion

Der Mercosur-Block will der Freihandelszone nur zustimmen, wenn die USA ihre Handelsschranken und Agrarsubventionen abbauen. 70 Prozent der Menschen in den Entwicklungsländern leben auf dem Land. Diskussionen darüber, ob ihnen der Abbau der Agrarsubventionen helfen kann, werden in den USA weit gehend ausgeblendet.

Einer der wenigen, die sich mit dieser Frage befassen ist Bill Clinton. Der Ex-Präsident ist zwar für eine Senkung der heimischen Beihilfen, glaubt aber nicht, dass sich dadurch die Wirtschaftslage in den Entwicklungsländern langfristig verbessern wird. In einem Interview mit der Zeit warnte er: "Wenn sie ihr Pro-Kopf-Einkommen allein auf der Basis der Landwirtschaft verdoppeln, verdrei- oder vervierfachen wollen, würde das einen bestellbaren Boden und Wasserreserven erfordern, die sie gegenwärtig nicht haben." Clintons Alternativvorschlag: "Nachdem wir den Fehler gemacht haben, die Hürden bei den Agrareinfuhren zu hoch gehalten zu haben, fände ich es daher schrecklich, wenn wir jetzt den Fehler machten und es unterließen, die Industrie in diesen Ländern stärker zu diversifizieren." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.11.2005)

Beatrice Uerlings aus New York
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    Eingetrübte landwirtschaftliche Herbstidylle: In den USA sollen den Farmern die Beihilfen um 1,3 Milliarden Dollar gekürzt werden, in Europa wehren sich die Bauern noch.

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