Unsinn muss sein

9. März 2006, 14:40
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Nils Holger Moormann verlegt Möbel und ist der Pate junger Designtalente

Seine weltweit ausgezeichnete Formensprache zeigt der in Wien eröffnete Schauraum Cubatur³, wo RONDO Moormann zum Gespräch traf.

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Nils Holger Moormann ist der Jacques Tati des Designs. Manche nennen ihn auch Querkopf, andere Spaßvogel. Auf jeden Fall verkörpern die Ideen dieses Mannes den reziproken Wert von Design als Verhübschungs-Schnickschnack. Punkt. "Wann immer bei Podiumsdiskussionen die berüchtigte Frage nach einer Definition von Design auftaucht, möchte ich am liebsten unter dem Tisch verschwinden", meint Moormann. Zum Zustand des so vielfach definierten Begriffs hat er aber schon einige zünftige Sager parat: "Es gibt heute viel zu wenig Polarisierung in Sachen Gestaltung. Alles ist so glatt. Nix tut weh. Alles ist Design. Es gibt keine Auseinandersetzung. Echte Bedürfnisse müssen wieder her. Selbst Italien befindet sich in so einer Stylingphase ohne Protagonisten. Ich nenne das ,Crème-fraîche-Design'. Man schüttet immer noch was dazu. Doch gute Gestaltung nimmt sich zurück. Ich denke, Design ist Haltung, Schluss mit dem ,Sich-Herumdrücken'."

Moormann drückt sich nicht herum. Nix da mit Jammern. Moormann ist guter Dinge und meint sie bereits zu hören, die aufregenden Fragen nach Neuem im Anschluss an eine Phase der Anpassung. "Das ist genau meine Zeit", sagt er.

"Eine heftige Begegnung mit der Faszination der Designwelt ..."

Seit mehr als 20 Jahren produziert und vertreibt der 1953 in Stuttgart geborene Autodidakt Nils Holger Moormann Entwürfe meist junger, unbekannterer Designer. Zu denen zählten auch einmal Entwerfer-Größen wie Axel Kufus oder Konstantin Grcic. In der Kurzfassung seiner Vita steht zu lesen, "eine heftige Begegnung mit der Faszination der Designwelt in den frühen 80er-Jahren und daraus resultierendem schnellen Abbruch eines Jurastudiums erfolgte der konsequente Ausbau dieser Leidenschaft". "Auf einmal kam da irgendwie Kreativität ins Spiel", erzählt er mit einem Ausdruck in den Augen, der nur einen Ursprung kennen kann: Euphorie und ein Getriebensein. "Das ist ein ewiges Spiel. Wenn ich zum Beispiel im Stau stehe, beginne ich, die Autos den Farben nach zu sortieren, und bastle mir im Kopf eine kleine Collage."

Protagonisten des "Neuen Deutschen Designs"

Längst zählt Moormann zu einem der Protagonisten des "Neuen Deutschen Designs", das sich durch Elemente wie Einfachheit, also reduzierte Formensprache, präzise Detaillösungen und einen gewissen Erfindercharakter auszeichnet. Man könnte auch sagen, die mannigfaltig preisgekrönten Objekte aus dem Hause Moormann erwecken den Anschein, als wären sie gerne Design. Sie bestechen durch eine Leichtigkeit, eine Strenge, der aber immer auch der Schalk im Formgeber-Nacken sitzt. Moormann-Möbel wollen erfunden werden.

Das ausgetüftelte Detail ist ebenso Part des Unternehmens Moormann wie die Suche nach dem, wie er ihn nennt, "mündigen Kunden, der wissen will, wo seine Möbel herkommen und der sich nicht von irgendwelchem Branding- und Marketingwischiwaschi einlullen lässt. Design muss ganzheitlich sein, ich hab da so eine Art Mosaiktheorie, erst ganz, ganz viele kleine Teile ergeben ein scharfes Bild, nicht der kurze, starke Spot auf irgend was. Und - seien wir ehrlich, letztendlich bohren wir Löcher in Bretter und fügen diese zusammen. Die Ästhetik ergibt sich zwangsläufig. Zeit braucht's halt. Und viel Herzblut."

"Glück gehört freilich dazu, Träume und Freiheit ..."

Ans Herz gewachsen sind ihm die Designer, die er unter seine Fittichen nahm. Moormann, den der Journalist und Designer Knuth Hornbogen als "die Nr. 1 des beherzten Möbelhandels" bezeichnet, hat ein großes Herz. Er sieht sich als ihr Regisseur, als Kapitän eines Schiffes, den Ausguck betrachtet er dabei als die wichtigste Stelle. Moormann ist fasziniert von etwas, das Jugend genannt wird, diese will er um sich haben, er ist ein Fan von diesem "Unbedingt-machen-Müssen". Koste es, was es wolle. "Glück gehört freilich dazu, Träume und Freiheit, denn Kreativität ist ein scheues Reh", so Moormann, "da darf man nicht herumtrommeln."

Der Chef ohne Boss-Allüren bietet seinen Schützlingen ein Podium, will Pate sein, sie ein Stück weit begleiten, dann loslassen. Mehr nicht. Was er sagen würde, wenn Philippe Starck mit einem sauberen Entwurf zu ihm käme? "Das wäre schon okay. Aber ich würd sagen ,Philippe, (Moormann präferiert das Du-Wort), wir müssen das aber unter einem unbekannten Namen verkaufen."

 Design - mehr als bloße Noch-mehr-Verhübschung hochgestylter Alltagsgegenstände

Unter Vertrag hat er einen ganzen Schüppel an jungen Gestaltern, die es auf erfrischende Weise schaffen, Design nicht als bloße Noch-mehr-Verhübschung hochgestylter Alltagsgegenstände dastehen zu lassen. Unterschrieben haben unter anderem Kai Richter, bekannt für seine Mitarbeit an der "Deutschen Bank", Thorsten Franck, von dem Moormann eine Art Stumme-Diener-Serie produzieren ließ oder die vielfach ausgezeichneten Designer Markus Boge und Patrick Frey, deren Schreibtisch "Kant" irgendwie jeder haben will. Und die "Altstars" wie Grcic oder Kufus konfrontiert er bei jährlichen Arbeitstreffen mit Aufgaben wie Kuchenbacken, oder er lässt sie auf Berge kraxeln.

Apropos Berge: Ansässig ist Moormanns Firma mit gut 20 Mitarbeitern seit 1992 mitten im Chiemgau, nämlich im oberbayerischen Aschau, in umgebauten Pferdeställen. Das Unternehmen versucht, die meisten seiner Produkte von Betrieben aus dem Umfeld fertigen zu lassen. "Ich bin stolz auf die Handwerker, die sollen auch sehen, was sie da machen. Da geht's einfach um Authentizität. Das ist wie Stallgeruch", so Moormann. In Fernost würde er also nicht produzieren? "Ganz bestimmt nicht wegen des Geldes, nur wenn sich dadurch ein Bezug zu den Möbeln ergeben würde", meint er.

Geschichten über den wilden Hund des Möbelhandels

Regionale Strukturen in Verbindung mit internationalen Kontakten sind also ein weiteres Merkmal der Firmenphilosophie. Und natürlich eine Menge guter "Schmarrn". "Wir machen gern a bisserl a Hetz", sagt Nils Holger Moormann, "sonst nimmt man sich zu ernst und erkennt auch seine Fehler nicht mehr." Im Rahmen seines "Kuhratoriums" sollten z. B. zwei Kühe auf freiem Feld entscheiden, ob ein Fuß für einen Kleiderständer schwarz oder grau werden sollte. Und bei einem Event in den Moormann'schen Stallungen ließ er völlig ahnungslose Branchenkapazunder wie die Bosse von Interlübke oder Vitra in seinen Ställen ein Haubenmenü zubereiten.

Geschichten gäbe es noch mehr, und man ist bald versucht, in Moormann den wilden Hund des Möbelhandels zu sehen. "Nein, als solchen würde ich mich nicht bezeichnen. Coolness ist das meine nicht. Ich bin sehr emotional, schüchtern und auch weich. Man muss sich auch einmal umschmeißen lassen können", so Moormann, der neben seinem Part als Kämpfer gegen die Redundanz am Möbelmarkt auch schon die heldenhafte Rolle des gar nicht schüchternen David in der Branche bestritt: Ausgerechnet mit Ikea, dem Goliath der Szene, hatte er sich angelegt und den zähen Fight einer Urheberrechtsklage für sich entscheiden können. Der Konzern hatte das Design eines Tischbocks abgekupfert. In einem Interview im design report darauf angesprochen, ob dieser Wickel nicht auch eine riesige PR-Aktion war, meinte Moormann: "Nein, das war er sicher nicht. Ich würde so etwas auch nie, nie, nie wieder anzetteln. Das war wie russisches Roulette über zweieinhalb Jahre . . ." Ein Regal nannte Moormann, Jury-Mitglied unzähliger Wettbewerbe, dann trotzdem "Billy Clever".

 "Ich möchte den Kapitalismus außer Kraft setzen. Echt."

Und wo soll sie hinführen, die Geschichte vom tapferen Moormann? "Ich möchte den Kapitalismus außer Kraft setzen. Echt. Natürlich müssen auch wir uns um Umsatz und Ertrag kümmern, sonst funktioniert das alles ja nicht. Aber ich will keine stinklangweilige Erfolgsstory, auch keine große Firma. Aber da mach ich mir keine Sorgen. Ich produziere ja auch geniale Flops, die mich fast umbringen."

In Sachen Projekte träumt Moormann von einem Designhotel in einem alten Gebäude in seinem Heimatort Aschau. "Da scheint höchstens zwei Minuten pro Tag die Sonne hin, und die Bundesstraße liegt 80 cm entfernt. Ja, das wär ein Traum. Mit Handtüchern, die nicht flauschweich sind, sondern so richtig rubbelig."
(Michael Hausenblas/Der Standard/rondo/11/11/2005)

Cubatur³
Amerlingstraße 1
1060 Wien
Mo bis Sa von 10-20 Uhr
www.moormann.de
  • Nils Holger Moormann
    foto: nils holger moormann gmbh

    Nils Holger Moormann

  • Erika, Designergruppe Storno (2004)
    foto: nils holger moormann gmbh

    Erika, Designergruppe Storno (2004)

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