Amir Peretz

17. November 2005, 13:01
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Schnauzbärtiger Revolutionär als Labourchef

International war er bis Donnerstag ein Nobody, in Israel dagegen kannte ihn jeder: Als Gewerkschaftsboss ließ Amir Peretz, der neue Chef der Arbeiterpartei, in den vergangenen zehn Jahren keine Gelegenheit aus, um sich mit der Regierung anzulegen. Der Mann mit dem beeindruckenden Balaton-Combo-Schnauzer profilierte sich als beinharter Streikführer, als das leidenschaftliche soziale Gewissen der Nation und als beherzter Friedensaktivist.

In der Knesset saß der 53-Jährige jahrelang für die Arbeiterpartei, dann für seine eigene Bewegung "Am Ehad" (Ein Volk). Mit der gewann er bei den letzten Wahlen drei Mandate und vertrat vehement die Verlierer in der israelischen Gesellschaft. 2004 überzeugte ihn ausgerechnet Shimon Peres, doch wieder mit der Arbeiterpartei zu fusionieren. Seit Donnerstag steht er als erster orientalischer Jude (nach einer Reihe aus Osteuropa stammender Parteichefs) Labour vor. Mit seiner bodenständigen Art dürfte er nun das elitäre Image der Arbeiterpartei ändern und vor allem auch Einwanderer ansprechen.

Peretz wurde in Marokko geboren, seine Eltern wanderten mit dem Vierjährigen 1956 in Israel ein. Dort wuchs er - die Armut, die er als Politiker bekämpft, spürte er auch am eigenen Leib - zunächst in einem Übergangslager für Immigranten auf. Danach folg- ten Militärdienst (Fallschirmjägerhauptmann), ein Manöverunfall, bei dem eines seiner Beine zerschmettert wurde, und ein Jahr im Rollstuhl. Das Angebot des israelischen Militärs, doch eine Tankstelle zu übernehmen, lehnte er damals ab. Mit dem Argument, dass er nicht bereit sei, irgendjemandes Chef zu sein, weil dies doch Ausbeutung bedeute. Stattdessen machte er sich als Landwirt selbstständig, mit großem Erfolg in der Knoblauch- und Rosenzucht.

Nach einem Abstecher in die Kommunalpolitik - als Bürgermeister seiner Heimatstadt Sderot - machte Peretz Karriere in der Gewerkschaft und wurde 1995 dann doch ein Chef, und zwar jener des mächtigen Gewerkschaftsbundes Histadrut. Und selbst unter den geduldigsten Israelis gibt es wohl kaum einen, der ihn seither wegen der von ihm durchgezogenen Streiks nicht schon einmal zünftig verflucht hätte.

Angefochten hat Peretz dies nie. Er tritt stets dynamisch auf und ist guter Dinge. Und er wird es sich nicht nehmen lassen, seine Ziele einer "sozialen Revolution in Israel" ohne Abstriche zu verfolgen. Dass deswegen ein "politischer Sturm" (Ha'aretz) losbrechen könnte, ist durchaus möglich. Erst recht, weil der politische Gegner Peretz' im Likud bei den nächsten Wahlen wohl Benjamin Netanyahu heißen wird. Und der ist mindestens ein so harter Knochen wie der neue Labourchef.

Peretz ist verheiratet, hat vier Kinder und lebt in Sderot. (DER STANDARD, Printausgabe, 11.11.2005)

von Christoph Prantner
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