Eine Aufgabe für den König

18. November 2005, 10:29
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Jordanien nach den Anschlägen: Politische Öffnung als Mittel gegen die Islamisten - von Markus Bernath

Sandwich-Staat, Land ohne Identität oder "ein Garten für die Feinde unserer Religion", wie die mutmaßlichen Urheber der Anschläge auf die Luxushotels in Amman nun in ihrem Bekennerschreiben psalmodieren. Jordanien hat ein Problem mit seiner geografischen Lage und mit sich selbst. Eben deshalb steht das kleine Königreich zwischen dem Irak und Israel im Fadenkreuz der Al-Kaida-Terroristen. Jordanien ist eine Bruchstelle der autokratisch regierten arabischen Welt.

Zweierlei hat dabei der bisher schwerste Anschlag in Jordanien vor Augen geführt: die innere Verwundbarkeit dieses Staates, den das britische Empire nach dem Ersten Weltkrieg konstruiert hatte; die Ausweitung der Terrorzone im Irak auf seinen Nachbarn im Westen. Auf beide Gefahren muss König Abdullah eine Antwort finden. Ob ihm das mit seinem relativ effizienten Sicherheitsapparat, aber einem konservativen, politisch immer noch weithin abgeschlossenen System gelingt, ist sehr zweifelhaft.

Jordaniens Antiterrorkräfte haben seit der Zäsur von 9/11 einige Erfolge vorgewiesen - allen voran die Vereitelung eines offenbar mit chemischen Waffen geplanten Anschlags auf Amman im April 2004, der angeblich 160.000 Menschen hätte verwunden können. Über Wochen hinweg hatten Mitglieder einer Terrorzelle nach offizieller Darstellung 20 Tonnen Sprengstoff mit 92 Chemikalien hergestellt.

Noch im Sommer dieses Jahres nahmen Sicherheitskräfte 17 mutmaßliche Terroristen fest, die mit einer saudischen Gruppe und mit Al-Kaida im Irak verbunden gewesen sein sollen und US-Soldaten umbringen wollten, die in Jordanien auf Erholungsurlaub sind. Die Ermordung des US-Diplomaten Laurence Foley im Oktober 2002 konnten die Jordanier dagegen nicht verhindern. Es war die erste Tat, mit der Abu Mussab al-Zarkawi, der heutige Terrordrahtzieher im Irak, auf sich aufmerksam machte.

Zarkawi, Djihadist und Sprössling des großen Bani-Hassan-Stammes in Jordanien, der im Gefolge einer Generalamnestie bei Abdullahs Thronbesteigung 1999 aus dem Gefängnis freigekommen war, hat ein Terrorprogramm, das über den Irak hinausgeht: Er will den Sturz des haschemitischen Königshauses, das in den vergangenen Jahrzehnten so eng mit Washington zusammenarbeitete und 1994 ein historisches Friedensabkommen mit Israel schloss.

Der Mann aus der Kleinstadt Zarka hat in den vergangenen Jahren mehrfach bewiesen, dass er unter Jordaniens Jugend radikale Sunniten rekrutieren kann. Denn die Geschichte militanter Islamisten im Königreich ist lang: In Ma'an, einer Stadt im Süden des Landes, lieferten sich Armee und bewaffnete Gläubige immer wieder Gefechte. Die dünne Legitimation der Haschemitenkönige, religiöse Eiferer, Armut und Arbeitslosigkeit nähren dort den permanenten Putschversuch.

Mit der islamistischen Bedrohung verschränkt ist auch die dauernde Furcht der königstreuen Beduinen vor einer Übernahme ihres Staates durch die Palästinenser. Deren Zahl stand einmal bei einer Million. Nach dem Sechstagekrieg gegen Israel 1967, als Jordanien das Westjordanland verloren hatte, waren hunderttausende Palästinenser ins Königreich geströmt. Seither gibt es keine offiziellen Angaben über die Bevölkerungsaufteilung mehr. Auf 70 Prozent wird mitunter der Anteil der Palästinenser geschätzt. Abdullahs Frau Rania ist selbst Palästinenserin. Doch es ist die unterprivilegierte, politisch frustrierte palästinensische Bevölkerung, die auf Israels Kurs im Westjordanland und im Gazastreifen wie auf den Krieg im Irak reagiert und das jordanische Königshaus unter Druck setzt.

Zarkawi findet unter jungen Palästinensern in Jordanien immer wieder willfährige Helfer. In einem politischen System wie Jordanien aber, wo Kritik am König tabu ist, politische Parteien nach wie vor nicht erwünscht sind und bei Wahlen nur Einzelkandidaten antreten dürfen, hat der religiöse Fanatismus nicht sein Gegengewicht - die politische Freiheit. (DER STANDARD, Printausgabe, 11.11.2005)

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