Inventarisierung als Erinnerungsarbeit

17. November 2005, 19:09
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Buch über NS-Raubkunst in Graz präsentiert

Graz - "Wer erbt, muss sich auch mit dem Gespenstischen des Ererbten beschäftigen", gab Sabine Offe, Expertin für Museologie und jüdisch-deutsche Kultur- und Gedächtnisgeschichte in Bremen, am Mittwoch im Grazer Kunsthaus zu bedenken. Der Anlass für Offes Vortrag war der erste umfassende Sammelband, der die bis heute nachwirkenden Ausmaße des NS-Kunstraubs aus verschiedensten Perspektiven dokumentiert. Das "Gespenstische" sind die Geschichten von Verfolgungen, Enteignungen oder Erpressungen, die etwa hinter den Bildoberflächen von Gemälden, die einst österreichischen Juden gehörten, Jahrzehnte lang auf Gerechtigkeit warteten.

Die Restitutionen von Kunstwerken kam in Österreich erst 1998 durch zwei in New York beschlagnahmte Gemälde Egon Schieles aus der Sammlung Leopold richtig ins Rollen. Das nun vorliegende Buch NS-Kunstraub in Österreich und die Folgen (Studien Verlag) ist daher auch eine längst überfällige Auseinandersetzung mit der gezielten Raub- und (im Falle der vom NS-Regime als "entartete Kunst" desavouierten Werke) Zerstörungspolitik im Dritten Reich, die in Österreich besonders "sorgfältige" Formen annahm. Auch einzelnen Persönlichkeiten, die ihr Vermögen von 1938 bis 1945 gar verdreizehnfachen konnten, oder traditionsreichen Institutionen wie dem Wiener Dorotheum, das vom Pfandleihhaus zum bedeuten Auktionshaus aufsteigen konnte, werden eigene Beiträge gewidmet.

Wer glaubt, die beiden Herausgeberinnen, Gabriele Anderl und Alexandra Caruso, wären mit dieser facettenreichen Publikation offene Türen bei Finanziers eingelaufen, täuscht sich aber. "Es war nicht ganz leicht, dieses Buch zustande zu kriegen", erzählt Anderl. Meist versuchte man vergeblich, Zuschüsse zu bekommen, weshalb die Autoren der vielen spannenden, fundierten Beiträge kein Honorar bekommen konnten.

Karin Leitner, Restitutionsbeauftragte am Landesmuseum Joanneum, skizzierte die Situation vor Ort: Das Joanneum konnte seit dem Jahr 2000, als ein eigenes Landesverfassungsgesetz für Restitutionen in Kraft trat, 23 Objekte an neun Erbberechtigte übergeben. Vorsicht bei etwaigen Verkäufen bliebe natürlich besonders wichtig, denn "sobald die Kunstwerke in Privatsammlungen verschwinden, sind sie nicht mehr greifbar". Das Gesetz gilt nämlich nur für öffentliche Sammlungen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.11.2005)

Von Colette M. Schmidt

Eine Rezension können Sie morgen im ALBUM lesen. Die Präsentation des Buches in Wien findet am 17. November um 19.30 Uhr in der Hauptbücherei am Gürtel (Urban-Loritz-Platz 2a) statt. Die anschließende Podiumsdiskussion mit Terezija Stoisits, Alfred Noll, Michael Wladika, Werner Fürnsinn und Walter Hellmich moderiert STANDARD-Redakteur Thomas Trenkler.

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