Zeit der Revitalisierung

17. November 2005, 02:47
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Thomas Dausgaard, Chefdirigent des Dänischen Nationalorchesters, im Interview

Chefdirigent Thomas Dausgaard im Gespräch über das Dänische Nationalorchester, das älteste Radiosymphonieorchester der Welt, das am Freitag im Konzerthaus gastiert.


Wien – Mit einer Wehklage über die Ausmaße, welche das Mozart-Jahr hier zu Lande annehmen wird, kann man Thomas Dausgaard, den Gast aus Dänemark, nicht sonderlich beeindrucken. Erstens wird in Dänemark gerade das Hans- Christian-Andersen-Jahr (200. Geburtstag) begangen, was sich auch im Tourneeprogramm seines heute, Freitag, für die Jeunesse in Wien gastierenden Orchesters niederschlägt. Zweitens hat das Mozart-Jahr auch auf das Dänische Nationalorchester Auswirkungen, welche Thomas Dausgaard, seit 2004 Chefdirigent des Klangkörpers, aber keinesfalls bedauert:

"Für zwei Wochen wird sich das Orchester in zwei Hälften teilen, um jeweils verschiedene Mozart-Programme absolvieren zu können. Auch werden wir das Requiem zweimal spielen. Einmal unvollendet, wie es Mozart hinterlassen hat. Und dann in der neuesten vervollständigten Version von Robert Levin."

Blitzschlag

Es gab sicher Zeiten, da hätte sich Dausgaard wohl auch gerne selbst irgendwie geteilt, um alles zu schaffen, was ihm vorschwebte. "Als Teenager wollte ich alles tun: Klavier spielen und Cello, wollte komponieren und dirigieren. Ich bin jedoch dankbar, dass ich im Laufe meiner Ausbildung draufkommen konnte, was mir am meisten bedeutet."

Auch bezüglich des Repertoires dauert es eine Weile, bis sich bei ihm Klarheit einstellte: "Als Student in Kopenhagen hatte ich zunächst den starken Wunsch verspürt, die dänische Szene hinter mir zu lassen. Mein erster Klavierlehrer war ein Schüler des Komponisten Carl Nielsen, der auch über seinen Tod hinaus bei uns eine sehr dominante Figur blieb. In meiner Zeit in London gastierte dann einmal das 'Dänische National Radio Orchester', und als Zugabe spielte es Nielsens Maskerade- Ouvertüre. Das traf mich wie ein Blitzschlag. Ich begriff, dass die skandinavischen Wurzeln ein Teil von mir sind. Mittlerweile freue ich mich, dieses Repertoire pflegen zu können."

Von Abschottung hält er dennoch nichts. Er arbeitet auch in Großbritannien, den USA und Deutschland. Und auch sein Orchester hat während seiner langen Geschichte internationale Kontakte gepflegt, kann als ältestes Radiosymphonieorchester der Welt auf Kooperationen mit Könnern wie Fritz Busch, Bruno Walter und Sergiu Celibidache zurückblicken. Auch haben Strawinsky, Prokofjew, Hindemith, Boulez, Stockhausen und Hans Werner Henze mit dem Orchester eigene Werke erarbeitet.

Notwendigkeit

Bringt das schon eine Menge Flexibilität, so sind Tourneen zusätzlich eine hilfreiche Notwendigkeit: "Man wächst als Team, man vertieft seine Interpretation, es bringt auch die Erfahrung, Energie vom Publikum zu bekommen. Tourneen revitalisieren. Ob die Musiker Tourneen mögen oder nicht, hängt sehr von der individuellen Familiensituation des Einzelnen ab."

Wieder daheim, gilt es natürlich auch die Kontakte zur Königsfamilie zu pflegen: "Prinz Henrik hat sich gewünscht, dass wir vergangenes Jahr, an seinem 70. Geburtstag, für ihn und seine Gäste spielen. Außerdem ist er Schirmherr unseres Dirigentenwettbewerbs. Ja, da ist eine Beziehung zum Königshaus, auch wenn wir dessen Vertreter nicht regelmäßig bei unseren Konzerten sehen." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.11.2005)

Von Ljubisa Tosic

konzert

11.11. 19.30, Wiener Konzerthaus

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    Thomas Dausgaard

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