Politologe Grosser im Interview: "Chirac hat alles vergessen"

22. Dezember 2005, 13:26
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Die Unruhen würden zeigen, dass es Gewalt braucht, damit sich in Frankreich etwas verändert, meint der französische Wissenschafter

Standard: Die Gewaltwelle flaut in Frankreich etwas ab. Hat sich die harte Politik der Regierung ausgezahlt?

Grosser: Die Drohung mit dem Ausnahmezustand hat offenbar genützt, ohne dass sie wirklich in die Tat umgesetzt werden musste. Die einzigen "Ausnahmemaßnahmen", die wirklich zur Anwendung kommen, sind Ausgehverbote. Und selbst diese werden nur sehr beschränkt eingesetzt.

Standard: Sozialpolitisch stehen die Behörden aber vor einem Scherbenhaufen.

Grosser: Die Regierung in Paris muss ihre Banlieue-Politik völlig ändern, nachdem sie die finanzielle und soziale Hilfe für die Vorstadtvierteln abgeschafft hat. Jetzt muss sie diese Maßnahmen wieder aktivieren, so etwa die Unterstützung für Vereine oder Sozialarbeiter, oder die Einrichtung von Lokalpolizisten (police de proximité), welche die Jugendlichen kennen und nicht erst eingreifen, wenn Krawalle herrschen. Es zeigt sich wieder einmal, dass es in Frankreich Gewalt braucht, damit sich etwas bewegt. Und es zeigt sich, was Frankreich unter Präsident Chirac alles falsch gemacht hat. Er hatte 1995 mit seiner Wahlthese vom "sozialen Bruch" (fracture sociale) schon alles geschrieben und beschrieben, was nun passiert ist – nur vergaß er alles, sobald er Präsident wurde.

Standard: Ist für Chirac die Zeit nun endgültig abgelaufen?

Grosser: Ich würde es hoffen, aber wahrscheinlich wird er bis zum Ende seines Mandates im Amt bleiben, das heißt noch anderthalb Jahre.

Standard: Ist Frankreichs Integrationsmodell gescheitert?

Grosser: Vieles davon ist nicht gescheitert. Der Unterschied zu Berlin oder anderen europäischen Städten ist, dass diese jungen Leute alles Franzosen sind. Das ist in gewisser Weise auch ein Problem für sie: Sie sind frustrierter, als wenn sie nicht Franzosen wären. Denn obwohl sie Franzosen sind, erringen sie zum Beispiel nicht die Gleichheit im Beruf und kommen nicht aus ihren Vierteln raus. Andererseits muss man auch sehen, dass die Integration zum Teil sehr gut funktioniert. Der aus Ungarn stämmige Innen- und Polizeiminister Sarkozy ist ja selber ein Beispiel dafür. Aber in den Vierteln, wo die Leute zusammengepfercht wurden, ist die Anwendung dieses Modells viel schwieriger.

Standard: Was muss man dort ändern – abgesehen von der Wiedereinführung abgeschaffter Sozialmaßnahmen?

Grosser: Es ist sehr schwer, darüber hinauszugehen. Das Problem ist ja: Wenn Sie in einem Betrieb zwei Bewerber haben, von denen einer Mohammed Ali und der andere Jean Martin heisst, dann wird stets Jean Martin ausgewählt, auch wenn er vielleicht weniger qualifiziert ist.

Standard: Wie lässt sich die hohe Gewaltbereitschaft in der Banlieue abbauen?

Grosser: Indem man das Aggressionspotenzial in der gesamten französischen Gesellschaft abbaut. Wenn die Landwirte oder wie kürzlich die Hafenarbeiter in Marseille mit Gewalt ihre Ziele erreichen – warum sollen die Jugendlichen dann nicht ebenfalls versuchen, mit Gewalt etwas anzustreben? Das ist eine Frage des Rechtsstaates.

Standard: Was kann Europa aus dem Konflikt lernen?

Grosser: Dass man überall versuchen muss, Chancengleichheit durchzusetzen. In Großbritannien gibt es ähnliche Probleme, in Deutschland werden sie wohl auch einmal beginnen. Auch wenn man sagen muss, dass sich die türkische Gemeinschaft in Berlin- Kreuzberg gar nicht so diskriminiert fühlt – siei wollen gar nicht Deutsche werden. Die Kinder der französischen Einwanderer hingegen sind Franzosen und wollen das auch sein. Nur muss man sie das auch sein lassen. (DER STANDARD, Printausgabe, 11.11.2005)

Das Gespräch führte Stefan Brändle.
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    Zur Person
    Alfred Grosser ist einer der bekanntesten französischen Politologen. 1925 in Frankfurt geboren, emigrierte er 1933 mit den Eltern nach Frankreich. Er ist Träger des Friedenspreises des deutschen Buchhandels. Jüngste Publikation: "Wie anders ist Frankreich?"

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