11.11.: Bundesmuseen - Das geliehene Erbe

25. November 2005, 14:03
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Zur fragwürdigen Verwertungspraxis

Die Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste, eines der "Great Smaller Museums of Europe", besitzt einen ganz besonderen Schatz: das "Jüngste Gericht", ein Triptychon, in dem es vor skurrilen Figuren nur so wimmelt.

Finanziell ist das Museum zwar schlecht ausgestattet. Auf die Idee, den Hieronymus Bosch gegen gutes Geld zu verleihen, kommt Renate Trnek, die Leiterin, dennoch nicht: Weil das Kunstwerk (1504/08) nicht besser wird, wenn es durch die Welt tingelt. Und weil sie die Besucher nicht enttäuschen will.

Solche Bedenken plagen andere Museumsdirektoren nicht: Wilfried Seipel, Chef des Kunsthistorischen Museums, verleiht die größte Rarität des Hauses, "Die Malkunst" (1665/66) von Johannes Vermeer, sehr, sehr gerne. Trotz Warnungen seiner Restauratoren. Und Klaus Albrecht Schröder, Geschäftsführer der Albertina, würde am liebsten alles von kunsthistorischem Wert verleihen - im Tausch für publikumsträchtige Ware, um seine Wechselausstellungshallen randvoll zu bekommen.

Doch die Weisheit, nach der wir die Natur nur von unseren Kindern geliehen bekommen haben, gilt auch für das kulturelle Erbe: Weder steht es einem Museumsdirektor zu, einen Streifen aus einer Zeichnung von Egon Schiele herausschneiden zu lassen, damit das Blatt verleihfähig ist, noch darf er den Bestand, den sein Haus von der Republik nur geliehen bekommen hat, gefährden, weil er die Gewinne zu maximieren trachtet.

Die ausgegliederten Bundesmuseen müssen zwar privatwirtschaftlich agieren. Das bedeutet aber keinen Persilschein. Den Direktoren ist endlich klar zu machen, wo ihre Macht endet. Zum Beispiel mit Hilfe einer Weisung, dass an Kunstwerken nicht manipuliert werden darf. Und mit einer Liste von Objekten, die nicht verliehen werden dürfen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.11.2005)

Von Thomas Trenkler
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