Politologe Steinberg im Interview: "Rabins Vermächtnis ist etwas Künstliches"

16. November 2005, 12:19
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Die polarisierte israelische Gesellschaft habe aus der Ermordung des Ex-Premiers viel gelernt

Standard: In den Jahren seit der Ermordung Yitzhak Rabins heißt es in Israel immer wieder, dass sein Vermächtnis bewahrt werden müsse. Was ist eigentlich Rabins Vermächtnis?

Steinberg: Rabins Vermächtnis ist in Wahrheit etwas Künstliches. Es wurde durch den Mord geschaffen, nicht durch Rabins eigene Politik. In Wahrheit zeigten Umfragen damals an, dass er bei Wahlen gegen Benjamin Netanyahu verloren hätte. Er war nicht sehr populär, und der Friedensprozess war schon am Zerbröckeln. Es gab viel Gewalt und Terror, man hatte das Gefühl, dass es nicht funktionieren würde. Also der Mord selbst ist ein wichtiger Teil des Vermächtnisses, und der andere Teil ist Rabins Pragmatismus. Er war ein sicherheitsbewusster Führer, der Situationen pragmatisch und nicht ideologisch beurteilt hat.

Standard: Kann man sagen, dass der Mörder nicht nur Rabin, sondern auch den Friedensprozess getötet hat und dass alles anders gekommen wäre, wenn Rabin gelebt hätte?

Steinberg: Für die Behauptung, dass es eine Möglichkeit für Frieden gab und dass der Mord sie beendet hat, gibt es keinen Beweis. Das ist ein Mythos, der sich nach dem Mord entwickelt hat. Es gab so viele Probleme mit den Verhandlungen, und es gibt Hinweise dafür, dass Arafat es mit dem Frieden nie ernst gemeint hat. Und der Terror ging weiter. Es hätte wahrscheinlich mit Rabin dasselbe Ergebnis gegeben wie ohne ihn.

Standard: Ist es überhaupt klar, was Rabin wollte? Hätte er Jerusalem geteilt, hätte er den Palästinensern Gaza und große Teile der Westbank überlassen – wäre er also weiter gegangen als die späteren Premiers Ehud Barak und Ariel Sharon?

Steinberg: Wir wissen das nicht. Wir wissen, dass er im Gaza-Jericho-Abkommen nicht zur Auflösung von Siedlungen bereit war. Viele kritisierten ihn dafür, und er sagte: Ich werde keine Siedlungen auflösen, ehe es ein solides Friedensabkommen gibt. – Er war ein Skeptiker, und schon bevor er ermordet wurde, war er gegenüber Arafat kritischer geworden.

Standard: Viele sagen, Israels Gesellschaft habe nichts aus dem Mord gelernt. Es gebe wieder Verhetzung, Mangel an Toleranz zwischen den politischen Lagern und Drohungen gegen einen Premierminister.

Steinberg: Das genaue Gegenteil ist wahr. Wir haben viel gelernt. Debatten, die jetzt in Israel stattfinden, sind meist zivilisierter und weniger gewaltgeladen. Und das deutlichste Beispiel dafür war der Gaza-Abzug. Es gab keinen Bürgerkrieg, keinen Einsatz von Waffen, niemand wurde ernsthaft verletzt. Alle diese Szenarien haben sich als weit übertrieben herausgestellt. Es war eine sehr schwere Entscheidung für Israel, Territorium aufzugeben. Aber die Art von Gewalt, wie es sie im Umfeld der Ermordung des Premierministers gab, hat sich nicht wiederholt. Es besteht das Gefühl, dass die israelische Gesellschaft reifer geworden ist und weitere schwere Entscheidungen treffen kann ohne die Art von Attacken, wie wir sie vor zehn Jahren gesehen haben. (DER STANDARD, Printausgabe, 11.11.2005)

Das Interview führte Ben Segenreich.
  • Zur Person
 Gerald Steinberg ist Professor
für Politik­wissenschaft an der Bar-Ilan-Universität in
Ramat Gan.
    foto: standard

    Zur Person
    Gerald Steinberg ist Professor für Politik­wissenschaft an der Bar-Ilan-Universität in Ramat Gan.

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