Delirien

18. November 2005, 10:29
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Nach all dem Tort, den die Grünen der ÖVP zuletzt angetan haben, wäre es verständlich, dass ein christlich gesinnter Mandatar Trost auch im Alkohol sucht - Eine Kolumne von Günter Traxler

Zwar sind die Zeiten längst vorbei, als in einer euphemistisch "Milchbar" genannten Räumlichkeit des Parlaments des Öfteren, aber vor allem während der adventlichen Budgetdebatte der Geist des Weines die Gemüter so mancher Abgeordneter erkennbar stärker beflügelte als der Geist des Hohen Hauses, aber gelegentlich feiert der Genius Loci feuchtfröhliche Urständ. Um der Kritik an solchen Zuständen von vornherein ihren Stachel zu nehmen, sei auf das Faktum hingewiesen, dass die Abgeordneten in selbst verschuldeter Nüchternheit auch keinen anderen Bundeshaushalt beschlossen hätten, was allerdings einige Rückschlüsse auf die Rolle der Persönlichkeit im parlamentarischen Treiben erlaubt.

Die damals noch selbstverständliche Verbindung von Trinkfestigkeit und Gesinnungsfestigkeit ließ es niemandem geboten erscheinen, gelegentliche Ausrutscher während des parlamentarischen Zusammenlebens mit Trockenheit zu erklären, wie das nun der ÖVP-Abgeordnete Vincenz Liechtenstein glaubwürdig tat. Er bewies seine Beteuerung, er habe nichts getrunken, weder ein Achterl noch ein Vierterl, mit der Klarstellung: "Hätte ich es getan, würde ich das zugeben."

Nach all dem Tort, den die Grünen der Volkspartei zuletzt angetan haben, wäre es sogar verständlich, dass ein christlich gesinnter Mandatar Trost nicht nur im Gebet, sondern – doppelt hält besser – auch im Alkohol sucht. Für ihn kann es keine Kleinigkeit sein, wenn ein grüner Bezirksrat eine schwarz- grüne Regierung von der Zustimmung der ÖVP zur ersatzlosen Abschaffung des Konkordates abhängig macht. Der Kummer ob eines solchen Mangels an heiligem Koalitionsgeist könnte sogar einen Abstinenzler in den Alkohol treiben – umso lobenswerter, dass Herr Liechtenstein sich für absolut nüchtern hielt, als er in dem grünen Abgeordneten Peter Pilz einen "Marxisten und Trotzkisten" zu erkennen glaubte und aus diesem Glauben während einer Ausschusssitzung angeblich lallend und wackelnd kein Hehl machte. Nicht jeder hätte den Schock einer solchen Erkenntnis ohne die Infusion mehrerer Vierterln überstanden, aber es wäre auch nicht jeder so freudig bereit, das Kreuz des parlamentarischen Märtyrers auf sich zu nehmen.

Totale Blödelei

Und das auch noch in Demut, verband Liechtenstein doch die Beichte seiner Nüchternheit mit einer Entschuldigung "für mögliches Fehlverhalten". Nüchternheit als Fehlverhalten zu interpretieren, dürfte einem hierorts weit verbreitetem Lebensgefühl entsprechen, was der Volksverbundenheit des Mandatars ein schönes Zeugnis ausstellt. Einsicht in anderes Fehlverhalten ließ er nicht erkennen, gab er doch ohne weiteres zu: "Dass ich Pilz einen Marxisten genannt habe, kann sehr leicht passiert sein. Nur war das halt eine totale Blödelei, zu der ich in seinem Fall auch stehe."

Damit bleibt offen, ob Liechtenstein zum totalen Blödeln als parlamentarische Ausschussarbeit steht oder zur Entlarvung von Pilz als Marxisten, auch wenn das total blöd ist. Allerdings schwächt er damit die argumentative Position seiner Partei im laufenden Wahlkampf mehr als durch eventuell nachgewiesene Volltrunkenheit, was dazu führte, dass er aus der Sitzung abgezogen wurde, noch ehe er weitere Beweise seiner Nüchternheit durch Entlarvung anderer Ausschussmitglieder als linkes Gelichter liefern konnte.

Die Beschuldigung politischer Gegner als Marxisten, Trotzkisten und überhaupt rote Gfrießer wird bis zur Wahl noch viel zu wertvolle Munition sein, als dass unbefugte Angehörige der Regierungsparteien sie ohne gröberen Anlass verpulvern dürften. Derlei muss schon den Molterers, Khols und Lopatkas vorbehalten bleiben. Letzterer ging daher auch auf den marxistischen Aspekt des Deliriums gar nicht ein, sondern meinte in der Kleinen Zeitung nur: Dass Liechtenstein betrunken gewesen sei, könne schon sein, aber: Niemand solle päpstlicher sein als der Papst. Jedenfalls nicht, solange das Konkordat gilt. (DER STANDARD, Printausgabe, 11.11.2005)

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