Wasserzeichen

18. November 2005, 15:59
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Flutkatastrophe oder Dürrewelle, beide Szenarien kosten Leben - simple Designlösungen zeigen, wie einfach es sein könnte zu helfen

Jemen war gut. Eins Komma sieben Liter pro Tag. Das wird sich in den klimatisierten Räumen des New Yorker MoMA, und unter der Kunstlichtsonne der modernen Kunst vielleicht nicht ausgehen. Denn dort ist das Klima so ähnlich wie im Pariser Centre Pompidou: kein bisschen Tau im Glaspalast. Doch immerhin: Das Plastik-Ufo, mit dem der deutsche Produktdesigner Stephan August frisches Trinkwasser gewinnt, kommt zurzeit fleißig herum. Nach Jemen flogen die Kegel mit Care schon im vergangenen Jahr, wo Fischerfamilien den "Watercone" testeten und so kurzfristig auch zu Wassersammlern wurden.

Stephan August, hauptberuflich Produktdesigner bei BMW, rechnet die Ausbeute seines liebsten Entwurfes, des Wasseraufbereitungsgerätes "Watercone", vor: Zehn Kegel produzieren 17 Liter, was den täglichen Trinkwasserbedarf der beteiligten Familien zu drei Vierteln abdeckte. Reinstes Wasser durften sie ernten, wohlgemerkt! Sogar das regionale Flaschenwasser schnitt im Geschmacksvergleich weniger gut ab als der von den heißen Lichtfingern der Sonne gemolkene Dunst. Erstaunlich hingegen ist anderes. Zum Beispiel, dass die an vielen Ecken dürstende Welt überhaupt so lange auf ein vergleichsweise simples Produkt wie den "Watercone" warten musste.

Aus Thomas Brezinas Forscher-Express könnten die entsprechenden Anleitungen stammen, fixes Inventar jeder mittelmäßig originellen Survival-Trickkiste ist die grundlegende physikalische Methode allenfalls: Man nehme ein Stück Plastikplane, spanne sie über ein Schmutzwasserloch, beschwere sie in der Mitte und stelle einen Kübel unter den so entstandenen Trichter. Das an den Außenwänden kondensierende Wasser wird schließlich in ebendiesem Kübel landen. Design by Fähnlein Fieselschweif.

Watercone

Nach diesem Prinzip verfährt denn auch "Watercone" und trifft dabei offenbar den Nerv der auf veränderte Klimaszenarien, Dürren und Naturkatastrophen sensibilisierten Zeit. Denn beachtlich war die Aufmerksamkeit, die Stephan August mit seiner praktischen Weiterentwicklung zuteil wurde, denn doch. Sechs Designpreise hat er für "Watercone" bislang erhalten, darunter den renommierten if Design Award des Industrie Forum Design Hannover. August kam mit seinem tragbaren Wasserapparat in die Bild-Zeitung, ebenso wie ins Centre Pompidou. Und nun im Rahmen der aktuellen Ausstellung "Safe: Design Takes On Risk" eben auch ins MoMA.

Lieber wäre dem Designer freilich eine Aufstellung in Somalia oder Bangladesch. Dort, wo Menschen in Küstenregionen - dem idealen Einsatzgebiet für "Watercone" - mit wenig oder aber verseuchtem Wasser auskommen müssen. Denn der simple, mobile und doppelwandig konstruierte Kegel aus dem von Bayer Material Science hergestellten Polycarbonat Makrolon, der auf eine Lebensdauer von sechs Jahren ausgelegt ist, taugt zugleich auch als simples Wasseraufbereitungsgerät.

Arsen, Kadmium oder Quecksilber, Elemente, die in zahlreichen Entwicklungsländern das Trinkwasser verunreinigen und laut einem UNO-Bericht jährlich über fünf Millionen Menschen das Leben kosten, bleiben dank der Kondensation in der Bodenpfanne zurück. Billig, robust, wartungsfrei - eben so, wie es jene 1,2 Milliarden Menschen, die weltweit ohne Zugang zu sauberem Trinkwasser leben, benötigen - hat praktikables Nothilfe-Design auch auszusehen. Mühelos lässt sich so brackiges Salzwasser in beste Wassergüte verwandeln, können die Kegel sogar auf ruhigem Gewässer schwimmend Trinkwasser produzieren.

Lizenz

Wer den Kegel aber im Internet besichtigen möchte (www.watercone.com), wird dabei entdecken, dass die weltweite Lizenz zum Durstlöschen noch immer zu haben ist - ein auf den zweiten Blick durchaus nicht verwunderlicher Umstand. Immerhin setzt Design in der Regel Reichtum voraus und nur in Ausnahmefällen ein Katastrophenszenario. Wie weit die wohlig dosierten Gutmenschen-Spenden reicher Erdteile von einer effizienten Hilfestellung entfernt sein kann, ließ sich vor nicht allzu langer Zeit im Rahmen der Tsunami-Katastrophe beobachten. Die Konkurrenz internationaler Helferteams um Hilfsprojekte, der Druck, große Mengen an zwischengeparkten Spendengeldern auch nur annähernd effizient einzusetzen, all die leeren und oft sogar kontraproduktiven Hilfskilometer vor Ort - sie alle unterstrichen die Naivität im Umgang mit Krisen an fremden Orten. Auf Dauer versalzene, weil voreilig leer gepumpte Brunnen, ineffektive Bauprojekte - beliebig ließe sich die Liste des Versagens prolongieren.

Dass Design für Krisenfälle und Katastrophen spätestens mit den gehäuften Unbilden des Klimawandels auch die Saturierten und vergleichsweise Unflexiblen der Ersten Welt erreicht, markiert das andere Ende dieser Entwerfer-Agenda. Die Tricks der Lawinenschutzjacken und Hightech-Helme verschütteter Bergleute allein sind damit freilich nicht gemeint - schon gar nicht nach jenem Katastrophen-Design-Kickstart, der Mitteleuropa im Zuge der "Jahrhundertflut" einige neue Ideen und Ansätze bescherte. Schweizer Ingenieure entwickelten nach den Hochwassern des Jahres 2002 etwa Gehsteige zum Hinaufklappen, die im Ernstfall eben auch als Dämme taugen. In Locarno, aber auch im deutschen Baden-Württemberg sind diese bereits im Einsatz.

Ähnliches gilt für die von der schwedischen Entwerferin Sigurd Melin entwickelten Aqua Barriers. Hoffnungslos anachronistisch wirken die - auch in Europa üblichen - Sandsäcke angesichts der einfach und extrem schnell (!) einsetzbaren, mit Wasser befüllbaren Schlauchwälle. Der vom Hersteller Noaq prognostizierte Bedarf ähnelt dabei der Wasserspiegel der Weltmeere: Tendenz steigend! (Robert Haidinger, DER STANDARD, Rondo, Print, 11.11.2005)

  • Der preisgekrönte Plastikkegel von Watercone dient zum Sammeln von Kondenswasser in Dürregebieten.
    bild: watercone

    Der preisgekrönte Plastikkegel von Watercone dient zum Sammeln von Kondenswasser in Dürregebieten.

  • Dem gegenteiligen Problem nimmt sich das System Noaq an und bietet eine effiziente Alternative zum Sandsack.
    foto: noaq

    Dem gegenteiligen Problem nimmt sich das System Noaq an und bietet eine effiziente Alternative zum Sandsack.

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