Porträt: Shimon Peres - Der ewige Wahlverlierer

16. November 2005, 12:19
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Friedensnobelpreisträger musste innenpolitisch nur Rückschläge hinnehmen

Jerusalem - Den Friedensnobelpreis hat er gewonnen, aber noch keine Wahl. Shimon Peres (82), letzter Repräsentant der israelischen Staatsgründer-Generation, ist mit dem Stigma des "ewigen Verlierers" behaftet. Insgesamt hat er fünf Parlamentswahlen verloren. 1977 scheiterte er als amtierender Premier an der siegreichen Rechten unter Menachem Begin. 1996 zog er im Rennen gegen Benjamin Netanyahu den Kürzeren und 2000 unterlag er sogar bei der Wahl des Staatspräsidenten völlig überraschend dem damals als farblos geltenden Moshe Katzav.

Jetzt schlug ihn der Gewerkschaftsführer Amir Peretz bei der Wahl des Vorsitzenden der Arbeiterpartei und kündigte sogleich die von Peres gezimmerte Koalition mit dem Likud-Block von Premier Ariel Sharon auf. Der Chef des einflussreichen Gewerkschaftsdachverbandes Histadrut warf dem Vizepremier vor, mit den marktliberalen Reformen der Koalitionsregierung vor allem ausländische Investoren zu begünstigen, nicht aber die sozial Schwachen.

Als "Retter in der Not" hatte die Partei, die nach dem Rückzug ihres Kurzzeit-Vorsitzenden und Hoffnungsträgers Amram Mitzna vor zweieinhalb Jahren in eine schwere Krise gestürzt war, ihren "großen alten Mann" an die Spitze zurückgeholt. Peres führte die geschwächte Arbeiterpartei, die nach der Wahlniederlage von Ehud Barak 2001 das Amt des Regierungschefs an die Rechte verloren hatte, aus der Opposition in eine Koalition unter Sharon. Peres begründete dies mit der Notwendigkeit, dem in seinem eigenen Lager umstrittenen Sharon Hilfe zu leisten, damit der inzwischen abgeschlossene Rückzug aus dem Gaza-Streifen realisiert werden könne.

Shimon Peres, 1923 im damals polnischen (heute weißrussischen) Wotozyn geboren, steht in einer Reihe mit David Ben Gurion, Golda Meir, Menachem Begin und Yitzhak Rabin. Sein Verhandlungsgeschick ist unbestritten, wurde aber höchst unterschiedlich charakterisiert. Als "Meister der Kommunikation" schilderten ihn seine Anhänger, während Rabin ihn in seinen Memoiren 1979 als unermüdlichen Intriganten bezeichnete, der mit allen Mitteln Regierungschef werden wollte. Das persönliche Verhältnis der beiden späteren Friedensnobelpreisträger war lange von Rivalität geprägt.

Einer seiner bittersten Rückschläge war im Mai 1996 - er amtierte seit der Ermordung Rabins 1995 interimistisch als Regierungschef - die knappe Niederlage gegen Netanyahu. Eine Serie von Terroranschlägen palästinensischer Extremisten hatte im Wahlkampf das Vertrauen in den Architekten des Oslo-Friedensprozesses untergraben. Enttäuscht verkündete Peres das Ende seiner politischen Karriere. Er ließ sich aber bis Juni 1997 Zeit, um als Vorsitzender der Arbeiterpartei zurückzutreten. Im Februar 1999 wurde er hinter dem späteren Wahlsieger Ehud Barak auf den zweiten Platz der Kandidatenliste der Arbeiterpartei gesetzt.

Im Alter von elf Jahren war er in das damalige britische Mandatsgebiet Palästina gekommen. Schon als Jugendlicher engagierte er sich in sozialistischen Bewegungen. Dabei wurde David Ben Gurion auf ihn aufmerksam. Der erste israelische Regierungschef förderte Peres und schickte ihn zum Studium in die USA. Mit 29 Jahren war Peres bereits Generaldirektor und damit höchster Beamter im Verteidigungsministerium. Er wurde mit der heiklen Aufgabe betraut, für den jungen Staat militärische Ausrüstung zu erwerben. Peres ist der Vater des umstrittenen geheimen Atomprogramms seines Landes. 1959 wurde er erstmals ins Parlament gewählt. Von 1969 bis 1977 bekleidete Peres mehrere Ministerämter, zuletzt war er nach Rabins Demission (wegen eines illegalen Dollarguthabens in den USA) Premier. Als solcher unterlag er Begin. Nach sieben Oppositionsjahren führte er 1984 seine Partei als Ministerpräsident in eine Große Koalition mit dem Likud-Block unter Begins Nachfolger Yitzhak Shamir. 1986 musste er Shamir den Sessel des Regierungschefs überlassen und wurde Außenminister.

Nach dem Wahlsieg der Arbeiterpartei mit Rabin an der Spitze 1992 handelte Peres hinter den Kulissen in 14 Geheimrunden in Oslo mit den Palästinensern das Grunlagenabkommen aus, das im September 1993 in Washington unterzeichnet wurde. Rabin, Peres und Yasser Arafat erhielten ein Jahr später den Friedensnobelpreis. Als Rabin im November 1995 ermordet wurde, nahm Peres als Interims-Ministerpräsident und Parteichef wieder die Zügel in die Hand. Peres, der nie eine Uniform trug, wurde von vielen seiner Landsleute wegen seiner Vision von einem friedlichen "neuen Nahen Osten" als unverbesserlicher Träumer belächelt. (APA/Reuters)

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