Pressestimmen: "Nackter Kaiser Chirac könnte von Blair lernen"

10. November 2005, 18:12
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Rückkehr zur Ruhe birgt auch eine Gefahr

Stockholm/Paris/Straßburg - Die konservative schwedische Tageszeitung "Svenska Dagbladet" (Stockholm) meint am Donnerstag zu Hintergründen für die Unruhen in Frankreich:

"Vor ein paar Wochen diskutierten die EU-Spitzen, wie Europa den Herausforderungen der Globalisierung begegnen und die Bedrohung zu einer Chance machen kann. Frankreichs Präsident Jacques Chirac kam zu dem Treffen mit hochtrabenden Reden über die Überlegenheit des französischen Sozialsystems. Es dauerte elf Tage nach der Bruchlandung dieses Systems, ehe sich Chirac zeigte. Jetzt wie ein nackter Kaiser ohne Antwort auf die Frage, wie das Feuer in den Vorstädten von Frankreichs Städten gelöscht werden könnte. (...)

Das Land muss zu einer offeneren Gesellschaft werden und kann etwas vom angelsächsischen Modell lernen, das Chirac als antisozial hingestellt hat. Tatsache aber ist, dass es Tony Blair auf der anderen Seite des Kanals viel besser gelungen ist, die Mechanismen zu brechen, die Menschen in destruktive und unglückliche Lebensbahnen bringen."

"La Croix" (Paris):

"Paradoxerweise liegt in dieser Rückkehr zur Ruhe eine sehr große Gefahr. Wir können jetzt einen großen Seufzer der Erleichterung ausstoßen und zu unseren Alltagsgeschäften übergehen. Damit wenden wir uns aber von diesen Vierteln ab, wo sehr großes materielles und menschliches Elend herrscht. Es geht darum, die familiären und sozialen Bande dort wieder herzustellen, Arbeits- und Bildungsmöglichkeiten zu schaffen und unsere Betrachtungsweise dieser Trabantenstädte und ihrer Bewohner zu verändern. Diese gehören zu unserer nationalen Gemeinschaft. All das braucht Geld, Zeit und Beharrlichkeit. Aber ohne dem wird die nächste Explosion noch viel zerstörerischer sein."

Dernières Nouvelles D'Alsace" (Straßburg):

"Die brennenden französischen Vorstädte geben ein verheerendes Bild Frankreichs ab und zeigen unseren Partnern in Europa ein zweifaches Versagen: erstens die Vernachlässigung der sozial schwachen Stadtränder und zweitens das gescheiterte Integrationsmodell im Namen unserer republikanischen und konfessionsfreien Wertvorstellungen. Man muss es zugeben: unser Land, das die Staatsangehörigkeit demjenigen gewährt, der auf französischem Boden geboren wurde, ist in Sachen Eingliederung offensichtlich in einer Sackgasse gelandet. Die Gewalt stärkt die Position der Verteidiger einer Festung Europa. Nach den menschlichen Dramen von Ceuta, Melilla oder Lampedusa kann man sich ausmalen, wie die künftige europäische Einwanderungspolitik aussehen wird." (APA/dpa)

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