Überbrückungshilfen

10. November 2005, 21:49
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Jungweine, wie sie derzeit überall präsentiert werden, sind gut und schön und frisch und knackig. Aber reifere Weine sind deshalb nicht völlig daneben und out

9. November MAK Wien, die alljährliche Präsentation der ersten Weine des frischen 2005-er Jahrgangs: Was für die einen ein nettes Event ist, wird von anderen mit einem herzhaften „Jössas“ kommentiert: Irgendwann einmal ist man – wer war das eigentlich? – übereingekommen, Jungweine nicht zu mögen, sofern man zu den Connaisseuren zählen möchte.

Natürlich geben diese Präsentationen keine im Stein gemeißelte und in Stahl gegossene Darstellung des nächsten Jahrgangs, sondern gewähren maximal einen kleinen - zugegebenermaßen auch nicht immer nur erfreulichen - Ausblick auf das, was da noch kommen möge. Man probiert hier und dort, freut sich, dass ein Betrieb, der einem vergangene Weinsaison mit feinen Produkten ins Auge gestochen ist, auch heuer einen auffallend angenehmen Jungwein zustande gebracht hat oder ist erstaunt, hier Winzer anzutreffen, die man bei vielem, aber nicht bei Jungweinpräsentationen vermutet hätte.

Österreicher sind nun einmal ein Volk von Jungweintrinkern, mehr als ein dutzend Mal bestätigt durch Konsumentenumfragen, welcher Institutionen auch immer: Frische, Frucht und Säure sollen einem aus den Weingläsern entgegenspringen, und das ganze nach Möglichkeit schon Mitte Oktober. Einige Winzer ergeben sich dem Druck und lassen sich - auch unter Zuhilfenahme technischer Mätzchen - hinreißen, immer früher mit ihren Weinen auf den Markt zu kommen. Die manchmal im frühesten Stadium auch derart intensiv sind, dass es einer Aromakarikatur gleichkommt. Ein Druck, der aber verständlicherweise auch ein kaufmännischer ist: Denn eine verkaufte Flasche ist eine gute Flasche, und ein längerer Umschlagzyklus in einem Betrieb muss auch erst einmal verkraftet werden.

Bedauerlicherweise wurde hierzulande verlernt, Weine zu schätzen, die eine gewisse Reife haben, die dann in den besten Fällen einiges mehr als die geschmackliche Bandbreite eines Obstregals zeigen. Nichts gegen Obst, aber in so einem Regal hat ja bekanntlich auch nicht immer alles Platz. Da wird einem Winzer, der bei einer Publikumsverkostungen einen älteren zusätzlich zum aktuellen Jahrgang anbietet, gar nicht selten lieber ein entrüstetes „Des is jo oid!“ entgegengebellt, anstatt die rare Möglichkeit zu nutzen, einfach einmal zu probieren. Vorsicht, man könnte überrascht werden oder sogar Neues entdecken! Bleibt die Hoffnung, dass sich’s Winzer nicht verdrießen lassen und das in der letzten Saison zaghaft begonnene Unterfangen weiterhin pflegen, auch bei größeren Publikumsverkostungen einmal mehrere Jahrgänge eines Weins, einer Lage nebeneinander zu präsentieren.

Manche Rebsorten, Weine mancher Lagen, Regionen oder Produzenten brauchen nun einmal ihre Zeit, um ihre geschmacklichen Möglichkeiten in aller Bandbreite zu zeigen. Eine Zeit die man unter Einsatz von Technik natürlich verkürzen kann, was aber nicht notwendig ist und was sich vor allem auch nicht immer positiv auf die Lebensdauer eines Weins auswirkt.

Man lässt sich als Weintrinker einiges entgehen, wenn man sich auf „pubertierende“ Weine beschränkt. Und man sollte keinesfalls darauf verzichten, zu Jungweinpräsentationen zu gehen. Als Überbrückungshilfe, sozusagen.

Luzia Schrampf

Luzia Schrampf

Die wöchentliche Kolumne befasst sich mit Phänomenen, Beobachtungen, Themen rund um das aktuelle Weingeschehen.

Die Themen ergeben sich aus eigenen Beobachtungen oder aus – so hoffe ich - den Postings und Diskussion unserer Userinnen und User
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