Labour-Rebellen wittern Morgenluft

20. November 2005, 19:11
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Tony Blairs erste Niederlage im britischen Unterhaus könnte den Anfang vom Ende einer Ära markieren

Der Kopf, unverwechselbar mit dem welligen Haar und dem breiten Lächeln, ruht auf einem Entenkörper. Mühsam schleppt sich der Vogel dahin, ein Fuß stützt sich auf einen Krückstock, der andere steckt in einem dicken Verband. Ringsum glotzen die Fische. Der Herr Premier watschelt über den Meeresgrund.

Sicher, sie ist überspitzt, die Karikatur, die Tony Blair als lahme, ach was, halb tote Ente darstellt. Doch sie schält das Wesentliche heraus: Seht her, hier läuft ein Invalide, zerzaust von der eigenen Partei, die er einst souverän beherrschte wie ein strenger Lehrer. Schon am Mittwochabend vibrierte das Londoner Unterhaus vor Erregung, als feststand, dass Blair eine Abstimmung verloren hatte, zum ersten Mal überhaupt.

Es ging um ein Antiterrorgesetz, das Verdächtige für 90 statt wie bisher 14 Tage hinter Gitter bringen sollte, ohne sie anklagen zu müssen. Für Blair, der seinen Innenminister zurückpfiff, als der an einem Kompromiss feilen wollte, war es die Antwort auf die Bomben vom 7. Juli. Für seine Gegner war es die Chance, dem nie zuvor Besiegten endlich eins auszuwischen.

Die Opposition, die den Rechtsstaat in Gefahr schweben sah, stimmte fast geschlossen gegen den drakonischen Plan. Aber auch 49 Hinterbänkler der Labour Party lehnten ihn ab, und das ist die wahre Zäsur. Seit 1994 steht Blair an der Spitze der Sozialdemokraten, seit 1997 regiert er in Number Ten, ein Reformer, der es immer wieder schaffte, der Partei seinen Willen aufzuzwingen.

Ehemals Strahlemann

Anfangs gelang es ihm spielend leicht: Der Strahlemann, der Labour von 18 zermürbenden Jahren im Schatten erlöste, wurde gefeiert, als wäre er der Messias. Später überdeckte der Jurist Zweifel an der Substanz durch eine kämpferische, oft moralgeschwängerte Rhetorik, mit der er Skeptiker glatt gegen die Wand redete. So brachte er die Labour-Riege dazu, Dinge abzusegnen, die ihr eigentlich widerstrebten: die Teilnahme am Irakkrieg oder Studiengebühren. Doch damit ist es seit dem 9. November vorbei.

Die Rebellen haben gewonnen, "Blut geleckt", wie Blairs Biograf Anthony Seldon orakelt: "Nun wollen sie mehr." Ursprünglich wollte der 52-Jährige noch eine volle Legislaturperiode im Amt bleiben, bis 2009 oder gar 2010. Erst dann gedachte er Platz zu machen für einen Nachfolger. Die Zeit wollte er nutzen, um Reformen durchzuboxen: mehr Eigenständigkeit für die Schulen, ein höherer Privatanteil im Gesundheitssektor. Schon jetzt ist abzusehen, dass jedes einzelne dieser Vorhaben zur parlamentarischen Zitterpartie wird.

Am Donnerstag rechnete Blair zunächst mit den Rebellen ab: Die sollten, statt Ränke zu schmieden, "lieber einmal auf ihre Wähler hören" - eine klare Mehrheit "da draußen" verlange nämlich mehr Härte im Kampf gegen den Terror. Der Mann, der soeben seine schwerste Schlappe hinnehmen musste, klingt so trotzig wie immer. (DER STANDARD, Printausgabe, 11.11.2005)

Frank Herrmann aus London

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BBC: Blair says MPs are out of touch

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    Die Niederlage im Parlament stellt einen schweren Autoritätsverlust für Blair dar.

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