Musikrundschau: Musik aus dem Schattenreich

17. November 2005, 19:19
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Neue Alben voon Murcof, The Darkness und Saint Vitus

MURCOF
Rememberanza
(Leaf/Soulseduction)
Der mexikanische Elektronikkünstler Murcof alias Fernando Corona, Mitglied des Nortec Collective aus Tijuana und nebenher auch noch als Terrestre in den Schaltkreisen umgehend, verfeinert auf seinem neuen Album altbewährte Techniken. Und, man muss dies betonen, mit irgendwelchen mexikanischen Folklorismen hat seine Musik exakt nichts am Hut. Vielmehr erweisen sich die dunklen und düsteren Tracks in ihrer Kombination von Ambient-Elektronik, arhythmischem Herzklopfen, schrillen Streichquartett-Glissandi und -Pizzicati, atonalen Klavier-Samples und Alltagsgeräuschen aus einem Geisterhaus wie Türenknallen oder dem Sound eines die Stiege hinunterpumpernden Schädels als idealer Soundtrack für das Blair Witch Project. Wenn dieses Filmchen einmal tüchtig einen auf Horror und nicht nur auf Kindererschrecken machen würde. Oder wie es in "Apocalypse Now" am Ende auf den Punkt gebracht wird: "The Horror! The Horror!" Nicht umsonst arbeitete Fernando Corona auch mit dem wohl weniger für Kasperliaden als für ernsthafte Suche nach neuer Musik bekannten Kronos Quartett an der obsoleten Schnittstelle von E und U zusammen. Das hier ist eine in seiner Bedrohlichkeit stimmige, niemals spekulative Form neuer Töne, die ihre Spannung in der Mitte zwischen den kranken sakralen Kompositionen eines Arvo Pärt und, sagen wir, barockem Minimal Techno aufbaut. Ein großartiges Album!

THE DARKNESS
One Way Ticket To Hell ... And Back
(Atlantic/ Warner)
Aus der Hölle ins Höllchen. Die jungen britischen Pudelmetaller in unwürdigen und im Schritt möglicherweise auch mit Hilfsmitteln wie einer Speisegurke aufgesexten Spandex-Overalls, die gern darauf bestehen, keine kabarettistischen Absichten mit ihrer Musik zu verfolgen, machen einem zwar im Intro ihres Albums gleich tüchtig Angst. Immerhin dräut hier ein Panflöten-Sample von George Zamfir (Fragen Sie Ihre Mama!) über Don-Kosaken-Chören aus dem Haus James Last. Last wie in: das Letzte. Und auch das erste Gitarrenriff der aktuellen, dem Album den Titel gebenden Single, eine mit Kuhglocken auffrisierte Version des alten AC/DC-Haderns Hell's Bells, der dann mit Kokain-Schnupfgeräuschen Richtung Freddie Mercury und, noch schlimmer, Richtung Stadionrock Marke Bon Jovi gedeutet wird, lässt Gänsehaut aufziehen. Allerdings wird es dann auch schnell lachhaft. Es steht mit zunehmender Dauer des Albums zu befürchten, dass The Darkness tatsächlich auf Dreckmusik aus den Oldie-Kisten des Formatradios stehen. Immerhin kann man ja auch nur etwas parodieren, was man schon auch heimlich ein wenig mag. Bon Jovi, Himmel hilf!

SAINT VITUS
Live

(Southern/Trost)
Wenn schon dumpf, dann richtig stumpf. Die US-amerikanischen "Doom Metal"-Gründerväter um den legendären Gitarristen und "Sänger" Scott "Dino" Weinrich (The Obsessed, Spirit Caravan, Place Of Skulls, The Hidden Hand ...) waren ab Mitte der 80er für einige Jahre so etwas wie die beste Band der Welt. Allerdings nur in einer Welt, die damals bereit war, die Errungenschaften der Friedhofs-Metaller Black Sabbath über das Starterkabel Dosenbier und schlechte Tätowierungen mit der Verzweiflung und Härte von Punk und Harcdore im Sinne der dortigen Gründerväter Black Flag kurzzuschließen. Beim hier vorliegenden Dokument handelt es sich um eine Wiederveröffentlichung eines 1990 in Deutschland aufgenommenen und damals noch rein auf Vinyl gepressten Konzerts. Und es zeigt das Quartett auf der Höhe seines Könnens. Dying Inside, Living Backwards, The War Starter, das geniale Born Too Late, alles da. Früher war auch nicht alles schlecht. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.11.2005)

Von
Christian Schachinger
  • THE DARKNESS One Way Ticket To Hell ... And Back
    foto: atlantic/ warner

    THE DARKNESS
    One Way Ticket To Hell ... And Back

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