Die Kunst der Erregung

17. November 2005, 19:19
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Wolf Parade und Broken Social Scene veröffentlichen neue Alben, die vom Pop-Wunder Kanada künden

Das neue Pop-Wunder Kanada bietet nach The Arcade Fire jetzt nicht nur die wunderbaren Herzblut-Hysteriker Wolf Parade. Mit der Broken Social Scene gehen auch die Altvorderen der neuen Szene wieder einmal an den Start.


Speziell auch wegen der großartigen Pop-Entdeckung The Arcade Fire aus dem Vorjahr steht Kanada derzeit unter intensiver Beobachtung, wenn es darum geht, eine Form von Songwriting zu suchen und dort eben auch vermehrt zu finden, die auf das große Drama setzt. Tod, Verzweiflung, Beklemmung. Die Einsamkeit des Menschen in der Massengesellschaft. Dagegen allerdings immer wieder auch ein hoffnungslos romantisches Anrennen tatsächlich auch mit Leib und Seele. Große Gefühle, das Konzept der Liebe gegen jede Chance. Melodien, die einem darüber das Herz zerreißen. Das so wie auch ihre Freunde und Förderer The Arcade Fire aus Montreal stammende Quartett Wolf Parade singt auf seinem Album Apologies To The Queen Mary nicht nur von brennenden Herzen, von Scheidungskriegen, vom eigenen, kleinen Leben, über dem ein Fluch zu liegen scheint. Zwischen Geistererscheinungen und dem streng postmodernen Bekenntnis, sich trotzdem für alles zwischen Welt und Wille begeistern zu können, das einem täglich so entgegenkommt, geht es der kauzigen Band schon auch um eines:

Trotz allem hier oft und gern zur Schau gestellten Zynismus, der einen zwar nicht vor Mietrückstandszahlungen und gesperrten Kreditkarten bewahrt, aber das Überleben etwas leichter, weil relativer macht, sind Wolf Parade große Romantiker und Verteidiger des Sentiments in einer Welt der Erbsenzähler. Dan Boeckner und Spencer Krug, die beiden gleichberechtigten, aber allein arbeitenden Songschreiber der Band, teilen sich demokratisch abwechselnd die Last, am Mikrofon die eigenen Texte vorleiden zu müssen. Dazu schreit sich dann im Hintergrund der jeweils Unterbeschäftigte die Seele aus dem Leib. Und zwar nicht im Sinne von harmoniesuchender Lalala-Unterstützung im Refrain, sondern tatsächlich im Sinne entfesselter Schreie. Ihr weitgehend identer Ansatz, kopfstimmenlastig-hysterisch den alten Glam-Rock-David Bowie aus den 70er-Jahren mit den lebensunwilligen Hymnen der Generation X-Vorgängermodelle Black Francis und seinen Pixies aus den 80ern hin zu den großen heutigen Vorbildern The Arcade Fire zu führen, mündet in dieser großen Kunst der Dauererregung auch in ergreifenden Bekenntnissen. Der Song (I'm Not In Love With The) Modern World wird positiv ergänzt von We Built Another World.

So ein Album muss nicht nur unendlich viel Kraft kosten, wenn man es auf einem derart hohen Intensitäts-Level komponiert, einspielt oder auf der Bühne interpretiert. Immerhin würde eine schlechte Tagesform wohl nur schwer hinter abgebrühtem Professionalismus versteckt werden können. Dafür tragen Wolf Parade ihr Herz viel zu sehr auf der Zunge. Die zwölf Songs von Apologies To The Queen Mary lassen auch den Hörer erschöpft zurück. Neben The Arcade Fire und ihrem Debüt Funeral oder Bluffer's Guide To The Flight Deck der an dieser Stelle ebenfalls schon besprochenen britischen Psychedelik-Tragöden Flotation Toy Warning sind Wolf Parade derzeit sicher das Intensivste (mit der Betonung auf Drama), das man im Pop haben kann.

Die aus dem kanadischen Toronto stammenden, sehr lose als Band agierenden Broken Social Scene um Integrationsfigur und Band-Katalysator Kevin Drew machen es dem Hörer nach Meisterwerken wie Feel Good Lost oder You Forgot It In People dieses Mal etwas schwer. Die je nach Laune und Zeit bis zu 15-köpfige Band, der etwa neben den Stars (wunderbare aktuelle CD: Set Yourself On Fire) auch Leslie Feist angehört, deren Solodebüt Let It Die zu den überzeugendsten und innigsten Songwriterinnen-Alben des Vorjahres zählt, "komponiert" ihre Songs in langen, freien Improvisationen. Sie komprimiert in diesem scheinbaren Klangchaos dann wesentliche Teile wie Leitmelodie oder Strophe-Refrain-Struktur zu mitunter großartigen und berührenden, wie soll man es sagen, Monumenten des Post-Rock. Monumente, die den Song mitunter sehr weit über die Grenzen von Pop-Verträglichkeit hinausführen, aber dann mit einer zwischendurch eingefügten Kennmelodie den Hörer davon abhalten, ins Trudeln zu geraten. Schade nur, dass Kevin Drew und Freunden dieses Mal nur wenige eingefallen sind. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.11.2005)

Von
Christian Schachinger
  • Wolf Parade  Apologies To The Queen Mary  (Trost)
    foto: trost

    Wolf Parade
    Apologies To The Queen Mary
    (Trost)

  • Broken Social Scene  Broken Social Scene  (Edel)
    foto: edel

    Broken Social Scene
    Broken Social Scene
    (Edel)

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