Einladung an die Fingerkuppen

6. Oktober 2006, 10:34
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Fons Hickmann präsentiert in seinem Buch "Touch me there" einen beeindruckenden Kosmos aus grafischen Arbeiten

"Touch me there" ist ein schöner Titel. Er lässt an die Oberfläche denken - die silberne des Buches ist denn auch auffallend geprägt, gegerbt, eine Einladung an die Fingerkuppen zur haptischen Erkundung. Er mag auch eine erotische Einladung sein - "there": dort unten? -, verstärkt durch mehrere übereinander kopierte weibliche Gesichter als Illustration, genderpolitisch ausbalanciert durch immerhin eine männliche Visage auf der Rückseite.

"Berühren" natürlich auch im übertragenen Sinn, womit sich die Präsentation der Arbeiten von Fons Hickmann und vielen seiner Mitarbeiter und Schüler einreiht in vergleichbare Darstellungen: Wenn etwa Stefan Sagmeister vom "design to touch people's hearts" schwärmt, wenn Paul Mijksenaar in Sachen Informationsgrafik einlädt zu "Open Here", auch wenn Bruce Mau von "ReMembering the Body" spricht.

Ja, der Körper und seine Glieder

Im Zeitalter der immer flüchtigeren, immaterielleren Zeichen insistiert Hickmann, Berliner Grafikdesigner mit Professur an der Wiener Angewandten, auf der materiellen Oberfläche. Als ob der Hinweis noch nötig wäre, beginnt der 400-Seiten-Band, vor dem ersten Wort, mit drei Doppelseiten Makrofotos von - Haut.

Es folgt ein Inhaltsverzeichnis, das alphabetisch angeordnet ist und dessen Seitenzahlen winzig, grau auf weiß gedruckt und nur nach 90-Grad-Drehung zu lesen sind - nicht gerade die benutzerfreundliche Art, doch der tiefere Sinn erschließt sich nach weiterem Durchblättern: Geh nicht nach unserer Anleitung vor, suggerieren die Buchmacher, achte zuerst einmal nicht auf das Graugedruckte, sondern konzentrier dich auf das Bildliche, die Variationen der Monotonie, die Porträts, Spielkarten, computergenerierten Gitter, die Häkeldeckchen, Kitschlöffel, Posters, Dokumentaraufnahmen. Oder, wie da steht, "a world of graphic design, photography, illustration and Rock 'n' Roll".

Nach 60 Seiten dann ein Text, wie man ihn in einem Grafikbuch nicht erwarten würde, ein Interview mit einem Arzt über seine Einsätze in Katastrophengebieten. Der Zusammenhang ist nicht eindeutig (warum sollte er es auch sein), der Kontrast mit den darauf folgenden Video-Shots von Jagdflugzeug-Starts, "Error Terror", wohl kein Zufall, der Leser mag in einem ganz traditionellen, gar nicht coolen Sinn "berührt" sein.

In der Hauptsache aber serviert...

... der Großband schockweise kreative Leistungen. Ein Vorblättern zu den allerletzten Seiten lohnt, zu lesen sind die zahllosen Namen der MitarbeiterInnen von der Angewandten und aus Deutschland und die Liste der Klienten, die vieles vom Gezeigten in Auftrag gegeben haben. Eine neue Generation artikuliert sich hier in Essays ebenso wie in ungenierten Zitaten von Hesse bis Warhol. Sie hat die klassische Schweizer Moderne intus, schätzt aber auch Sagmeisters Überkritzelungen oder spielt mit weiß auf weiß (Beatles, schaut's oba!) gedruckten Mustern und Fotos. Mehr kann ein sich an Visuellem erfreuendes Herz nicht begehren.

Eine gemeinsame Überschrift ist nicht auszumachen - außer natürlich Fons Hickmann. Und das ist gut so: Aus den vielen divergierenden und dann doch wieder zueinander findenden Kräften und Talenten entsteht ein Pool. Aus dem werden noch viele schöpfen, so viel ist abzusehen.

Das Schöne an dieser "Schule" dürfte also sein, dass sie keine sein wird, kein wiedererkennbarer Kanon der Formensprache, vielmehr voller widerborstiger, fröhlicher Ausritte. So soll es bleiben. Wie einer der interviewten Kollegen auf die Frage, was er von der Arbeit möchte, sagt: "Ongoing enthusiasm along with keeping the playful mood of a child."

Zum Schluss kommen wir wieder an die Oberfläche, wieder drei Doppelseiten lang: Sexanzeigenpickerln aus Tokio, Warschau und London. Viel Haut, viel Aufforderung. "Spank me, cane me, love me." Berühr mich dort!
(Michael Freund/Der Standard/rondo/11/11/2005)

Fons Hickmann
Touch me there
€ 41,50
ca. 400 Seiten
Die Gestalten Verlag
Berlin 2005
touch-me-there.com
klassehickmann.com
  • Plakat für eine Altkleidersammlung
    foto aus dem buch

    Plakat für eine Altkleidersammlung

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    foto aus dem buch
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