Design essen Angst auf

27. Februar 2006, 14:42
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Die erste große Designausstellung im wiedereröffneten New Yorker Museum of Modern Art widmet sich der Gestaltung von Sicherheit

Eines ist sicher - wir haben alle Angst. Die Frage ist: Wovor? Terroranschläge, Naturkatastrophen und Kriege traumatisieren die Menschen und lassen einen fast die kleinen und größeren Gefahren des täglichen Lebens vergessen. Kein Wunder also, dass das Thema aus allen möglichen Perspektiven beleuchtet wird. Angstbewältigung der anderen Art kann man derzeit (sofern man nicht unter Flugangst leidet) in New York betreiben, wo auch sonst? Dort geht man dazu neuerdings auch ins Museum. Und zwar ins MoMA, wo vor Kurzem die Ausstellung "Safe: Design Takes On Risk" eröffnet wurde.

Die Ausstellung - die erste Designausstellung seit Wiedereröffnung des MoMA vor knapp einem Jahr - steht jedoch nicht im Zeichen von Terror und Naturkatastrophen. Vielmehr wird das Thema Sicherheit und Schutz aus einem multikulturellen und auch schöngeistigen Blickwinkel betrachtet. So kann man neben Notunterkünften für Flüchtlinge, Zelten für Obdachlose und tragbaren Minendetektoren auch Dinge wie den "BananaBunker", eine biegsame Plastikhülle für Bananen, einen elektronischen "Fresh Kiss Breath Checker" oder einen Papp-Kaffeebecher mit (wieder)verschließbarem Deckel bewundern. Zugegeben, die Relevanz einzelner Ausstellungsobjekte bleibt im Zusammenhang mit dem Thema der Ausstellung ein wenig fragwürdig - eine Schwachstelle, wie auch die "New York Times" meint, die sich in Anbetracht der fast täglich neuen Bilder des Schreckens eine selektivere Auswahl gewünscht hätte.

Dass die Kuratoren letztendlich einen anderen Zugang wählten, liegt wohl auch an der Historie. Tatsächlich wurde der Grundstein für die Ausstellung bereits im März 2001 gelegt, als man mit der Planung für eine Leistungsschau aktueller Notfall- und Rettungstechnologien begann. Doch nach 9/11 entschied man sich für eine generell positivere Ausrichtung und erweiterte das Spektrum. (Also keine Angst, es ist für jede Paranoia etwas dabei.) Und darin liegt auch die Stärke der Ausstellung. Sie zeigt nicht nur den Umgang der Designer mit möglichen Risiken und Gefahren, sondern auch mit den Emotionen der Menschen. Bis auf wenige Ausnahmen sind fast alle der ausgestellten Objekte Beispiele dafür, was gutes Design ausmacht. Nicht nur Funktionalität und Effizienz in jeder Form zählen hier, sondern auch die Bedeutung, die diese Objekte für das Individuum oder die Gesellschaft ausstrahlen. Und die kann nicht nur sehr unterschiedlich, sondern mitunter auch sehr gegensätzlich sein.

Sinnbild für die Ambivalenz...

... des modernen Sicherheitsdenkens ist der "Securitree" des mexikanischen Künstlers Raúl Cárdenas Osuna. Der mit Überwachungskameras bestückte Sicherheitsbaum macht deutlich, dass auch ein Zuviel an Sicherheit zu Unbehagen führen kann - wie etwa im Bezug auf die schleichende Einengung der Privatsphäre. Eine mögliche Lösung Big Brother zu entwischen bietet übrigens gleich das "How to Disappear Kit" - eine Erfindung von Studenten der Designskolen Kolden in Dänemark. Ein Booklet samt sachdienlichen Hinweisen sowie nützliche Tools zum "Verschwinden" wie zum Beispiel eine Reflektoren-Maske, welche die Gesichtszüge beim Machen eines Fotos "ausblendet". Wie man ein anderes Problem in Sachen Privatsphäre an bestimmten Orten lösen kann, zeigt das in Japan gängige Modell einer Soundmachine - für die Toilette wohlgemerkt. Sieht aus wie ein stinknormaler Türöffner (so viel zur Form), gibt aber auf Handzeichen Spülgeräusche von sich, die andere, äh, Geräusche übertönen sollen und für solche Fälle das Betätigen der Spülung überflüssig machen - was den Wasserverbrauch in Tokio um satte 43,1 Prozent im Jahr sinken ließ.

Doch nicht immer sind die Dinge so funny oder skurril, wie sie auf den ersten Blick wirken mögen. Der aufblasbare Selbstschutz-Anzug hat es nämlich vor allem in sich. Er soll Demonstranten nicht nur vor den Schlagstöcken der Polizei schützen, sondern kann auch gleich - dank integrierter Kamera Fotos von den Übeltätern machen. Generell bekommt man in der Abteilung "Alltägliches" den Eindruck, als würde vor allem die Zahl, wenn auch nicht die Relevanz der Ängste zunehmen. So soll eine als Pizzaschachtel getarnte Laptop-Tasche als Diebstahlschutz dienen oder "Crave-Aid"-Pflaster (Nikotinpflastern nicht unähnlich, allerdings nur mit Placebo-Effekt) Heißhungerattacken abwürgen. Zu den stärksten Objekte zählen aber zweifellos jene, die uns aus unserem immer noch relativ behüteten Alltag reißen und uns vor Augen führen, welche Bedrohungen andernorts zum täglichen Leben gehören - wie etwa die "Watercones".

Diese Plastikkegel dienen zum Sammeln...

... von Kondenswasser in Dürregebieten und zeigen ebenso den kreativen Umgang mit knappen Ressourcen wie die so genannten "paraSITE homeless shelter" - aus Plastikmüllsäcken und Klebeband "gebaute" Zelte, die an den in den USA typischen HVAC (heating, ventilation, air-conditioning), also großen Abluftventilatoren angedockt werden. Die Luftströmung gibt dem Zelt Form und Wärme. Für viele ein unschöner, aber vom Designer Michael Rakowitz durchaus beabsichtigter Nebeneffekt: denn die Zelte machen sichtbar, was viele lieber in dunklen Ecken und Nischen nicht sehen würden.

Was bei uns der Erste-Hilfe-Kasten ist, sind anderswo Minendetektoren für Handtaschen oder etwa der von Galya Rosenfeld entwickelte "Headscarf" aus Stahlwolle, der muslimischen Frauen nicht nur zum Schutz der Identität, sondern auch vor möglichen Anschlägen dient.

Und irgendwann im Laufe der Ausstellungsbesichtigung ist man sich dann sicher, dass gutes Design zwar die Auswirkungen realer Ängste mehr oder weniger beeinflussen kann, den Ursachen hat es in in einer Zeit, in der die Konsequenzen der Weltpolitik so unmittelbaren Einfluss auf unser aller tägliches Leben haben, allerdings wenig entgegenzusetzen.
(Der Standard/rondo/11/11/2005)

Tina Preschitz überzeugte sich von der großen Vielfalt des Themas

Die Ausstellung ist bis 2. Jänner 2006 im New Yorker Museum of Modern Art zu sehen.
  • Erdbebensicherer Fondue-Tisch (ECAL und M. d'Esposito).
    foto: designer

    Erdbebensicherer Fondue-Tisch (ECAL und M. d'Esposito).

  • Schutzanzug für Demonstranten mit Kamera, Pulsmesser und Lautsprecher (Ralph Borland)
    foto: designer

    Schutzanzug für Demonstranten mit Kamera, Pulsmesser und Lautsprecher (Ralph Borland)

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