"Geringe Rücksicht auf Schamgrenzen sehr belastend"

10. November 2005, 07:00
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Hilde Wolf von FEMSüd im Interview über die spezielle Situation von Migrantinnen in der gynäkologischen Behandlung

dieStandard.at: Mit welcher speziellen Situation sind Migrantinnen ihrer Erfahrung nach in der Gynäkologie konfrontiert?

Hilde Wolf: Obwohl es schwierig ist, von "den Migrantinnen" zu sprechen, sind Barrieren bei Frauen aus der Türkei bzw. dem ehemaligen Jugoslawien häufiger. Sprachbarrieren sowie Informationsdefizite sind die ersten Hürden. Frauen wissen häufig wenig über den eigenen Körper Bescheid und kennen die Möglichkeiten unseres Gesundheitssystems nicht. Sind sie in ärztlicher Behandlung, werden Diagnose, Behandlung, Medikation etc. oft nicht verstanden.

Ein großes Problem - nicht nur für Musliminnen - ist der geringe Anteil an Gynäkologinnen, speziell im Bereich der kassenärztlichen Versorgung. Die oft geringe Rücksicht auf Scham- und Intimitätsgrenzen ist für Migrantinnen mitunter noch belastender als für viele andere Frauen - meist fehlt der Mut, sich dagegen zu wehren.

dieStandard.at: Inwieweit wirkt sich auch die Migration selbst auf die Gesundheit aus?

Hilde Wolf: Bei vielen Frauen ist die Einwanderung nach Österreich keine "frei gewählte" - viele kommen in Folge des Familiennachzugs bzw. haben traumatische Erlebnisse hinter sich. Die Lebenssituation hier ist wieder schwierig: das soziale Netz ist weg, die Wohnsituation oft beengt, die Zukunft häufig ungewiss. Dazu kommen häufig Beziehungsprobleme, eine Trennung ist aufgrund existenzieller Auswirkungen schwierig. Mögliche Folgen sind Belastungsreaktionen, von "Heimweh" über Depressionen bis zu psychosomatischen Erkrankungen. Oft manifestieren sich diese in körperlichen Symptomen, wie Kopfschmerzen, Verdauungsproblemen, ...

dieStandard.at: Wie können sich Patientinnen und Ärztinnen dieser speziellen Situation stellen?

Hilde Wolf: In der gynäkologischen Versorgung ergreifen vor allem Ärztinnen und Krankenschwestern die Eigeninitiative, um die Situation für ihre Patientinnen und auch sich selbst zu erleichtern. So gibt es Gynäkologie-Praxen mit muttersprachlichen Sprechstundenhilfen bzw. stundenweisem Einsatz von Dolmetscherinnen. In Wien gibt es in Krankenhäusern bereits seit vielen Jahren "Community interpreter" (speziell geschulten Übersetzerinnen), im Bereich der Geburtshilfe gibt es eine Reihe von Initiativen (z.B. Geburtsvorbereitung auf türkisch, Sprachkurs für Krankenschwestern, ...).

dieStandard.at: Was kann FEMSüd hier anbieten?

Hilde Wolf: Unsere Arbeit setzt auf mehreren Ebenen an: muttersprachliche Beraterinnen unterstützen bei der Kommunikation zwischen ÄrztInnen und Frauen, auch eine Begleitung zum/r ÄrztIn ist möglich. Weiters bieten wir Sozialberatung sowie Psychotherapie in den Sprachen türkisch bzw. bosnisch/serbisch/kroatisch an. In der gynäkologischen Beratung werden Krankheiten bzw. Behandlungen oder Medikation erklärt. Schließlich werden wichtige Themen, wie Wechseljahre, Herzinfarkt bei Frauen,... mittels mehrsprachiger Infofolder verständlich und differenziert aufbereitet. Weiters bieten wir Trainings in "Interkultureller Kompetenz" für das Gesundheitspersonal und arbeiten in spezifischen Projekten mit (z.B. EU-Projekt: Migrant friendly hospital).

dieStandard.at: Welche langfristigen Maßnahmem wären notwendig?

Hilde Wolf: Die Basis ist Unterstützung im Bereich der Kommunikation zwischen ÄrztInnen und Patientinnen: schriftliche Informationen in Fremdsprachen, Ausweitung bzw. Absicherung der Zahl der "Community interpreter". Auf struktureller Ebenen wären dringend mehr weibliche Gynäkologinnen erforderlich, idealerweise mit Fremdsprachkompetenzen. Außerdem wäre es wichtig, das Thema "Interkulturalität" in der Ausbildung von ÄrztInnen und Pflegepersonal zu verankern.Gleichzeitig müsste Migrantinnen der zweiten Generation der Zugang zu Ausbildungen im Gesundheitswesen erleichtert werden, sowie Sprach- und Kulturkompetenzen als Ressourcen anerkannt werden.

(e_mu)

Zur Person

Studium der Psychologie an den Universitäten Wien und Salzburg, danach postgraduelle Ausbildung zur Klinischen und Gesundheits- psychologin. Abschluss 1998.

Während der Ausbildung wissenschaftliche Mitarbeiterin des Ludwig Boltzmann Instituts für Frauengesundheits- forschung. Aufbau des Frauengesundheits- zentrums FEMSüd im Kaiser Franz Josef-Spital (SMZ Süd) und Leitung seit 1999. Arbeitsschwerpunkt: Gesundheitsförderung für Migrantinnen und sozial benachteiligte Frauen.

Seit 2000 Vorstandsmitglied im Berufsverband österreichischer Psychologinnen und Psychologen, Mitglied des Psychologenbeirats im Bundesministerium für Gesundheit und Frauen.
  • Mag.a Hilde Wolf
    Mag.a Hilde Wolf
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