Ruhe- und Krankenstand statt Frühpensionierung

21. November 2005, 15:33
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Zeitlicher Ruhestand als Kompromissformel

Wien - Sosehr Politik und ÖBB auch versichern, es gäbe seit Anfang 2006 keine Frühpensionierungen in der staatlichen Bahn - ganz ohne Möglichkeit, sich überzähliger Eisenbahner zu entledigen, ist die ÖBB auch nach dem verordneten Stopp nicht. Eine Hintertür stellt der so genannte "zeitliche Ruhestand" dar, ein Unikum, das es in der Form praktisch nur im Eisenbahnerdienstrecht gibt.

Dieses Instrument gibt dem Unternehmen die Möglichkeit, Mitarbeiter bei 70 prozentiger Entgeltfortzahlung maximal drei Jahre aus dem operativen Geschäft zu nehmen. Bahnbedienstete berichten, dass dieser zeitliche Ruhestand zunehmend als Mittel zur Personalreduzierung eingesetzt werde.

In Kombination mit Krankenständen ließe sich damit für 50-Jährige außerdem die Zeit bis zur gesetzlichen Frühpensionierung leichter überbrücken, denn nach einer Pause könne ein Mitarbeiter erneut für drei Jahre in Sonderpension geschickt werden, sagen Insider.

Wie viele ÖBBler sich derzeit in diesem Zwischending aus Vorruhe- und Krankenstand befinden, konnte ÖBB-Sprecher Gary Pippan nicht sagen. Er verwies auf die 957 Eisenbahner, die derzeit konzernintern "als verfügbar", also ohne operative Tätigkeit gemeldet seien.

ÖBB zahlt

Einziger Unterschied zur gesetzlichen Frühpension und dem Lehrermodell: Für sie zahlen nicht der Bund oder die Pensionsversicherung, sondern die ÖBB. Dafür sinkt der Personalstand und der von der Politik gewünschte Personalabbau bei den 44.000 Eisenbahnern (ohne Postbus) kommt voran.

Der Personalabbau - bis 2012 sollen 7000 bis 10.000 Arbeitsplätze wegfallen - stellt sich als mühsam dar:

Über den natürlichen Abgang werden 5000 bis 6000 Eisenbahner den Konzern verlassen. Über Golden Handshake oder durch die "Vermietung" an Drittfirmen wurden heuer 800 Mitarbeiter abgebaut. 750 hätten den Golden Handshake angenommen - im Durchschnitt etwas mehr als 25.000 Euro.

54 seien zur Justizwache gewechselt, sagte Personalchef Franz Nigl. Weitere 50 werden folgen. Bedarf an Mitarbeitern in der Sicherheitskontrolle hat der Flughafen Wien angemeldet, er könnte 300 Eisenbahner gebrauchen. Von den 957 "abrufbaren" Mitarbeitern habe sich jedoch keiner gemeldet.

200 Mitarbeiter stimmen zu

Arbeitskräfteüberlassung, also einer der Hauptstreitpunkte zwischen Vorstand und Gewerkschaft, haben bisher insgesamt 200 ÖBB-Mitarbeiter zugestimmt, sie arbeiten jetzt bei Drittfirmen, haben aber ein Rückkehrrecht in die ÖBB. 220 haben innerhalb des ÖBB-Konzerns in eine andere Gesellschaft gewechselt.

Die Wechselbereitschaft sei grundsätzlich sehr gering, beklagt Nigl. Es gebe sie meist nur innerhalb des gleichen Tätigkeitsfeldes. "Verschieber wollen Verschieber bleiben. Das ist auch ein Kulturproblem", meinte der Personalchef. (ung, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.11.2005)

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