Handymusik

10. November 2005, 18:17
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Vermutlich rätseln die beiden Teenager immer noch, wieso sich der Irre bei ihnen bedankt hat...

Es war gestern. Aber vermutlich rätseln die beiden Teenager in der U-Bahn-Station immer noch, wieso sich der Irre bei ihnen bedankt hat. Und wofür eigentlich. Aber das liegt nicht daran, dass die beiden Teenager nur mit einem Ohr hören konnten – sondern daran, dass ich mich einfach nur vor ihnen aufgebaut habe, sie mit einem nachsichtigen Blick fixierte und ihnen dann laut "Vielen Dank, ich weiß das wirklich zu schätzen" zugerufen habe.

Bis die beiden ihre Walkmanstöpsel aus den Ohren gefummelt hatten, war ich schon in die U-Bahn eingestiegen, die Türen waren geschlossen und der Zug fuhr an. Die beiden Teenager starrten mir ratlos nach. Dann stöpselten sie wieder jeweils ein Ohr zu – und nickten weiter im Takt eines vermutlich abgrundtief belanglosen Teeniepopsongs.

Headphone-Sharing

Trotzdem war ich dankbar. Wirklich dankbar. Weniger, weil mich die beiden wie durch eine aurale Nabelschnur miteinander (und einem MP3-Player in der Hand des Mädchens) verknüpften Jugendlichen an meine eigenen Teilen-wir-uns-einen-Kopfhörer-Erlebnisse erinnert hatte. Sondern, weil es um die beiden Headphone-Sharer so angenehm ruhig war.

(Einschub: Obwohl das eine nette Erinnerung ist. Die Sehnsucht, ein halbes Stereoerlebnis mit jemandem zu teilen, dem man anders sowieso nie nahe gekommen wäre. Das schüchtern-angstvolle Anbahnen der akustischen Zweisamkeit. Die Glückseligkeit der verdrahteten Vereinigung in musikalischer Intimität mit Zwang zu einer gewissen Mindestnähe unter Ausschluss der Außenwelt. Und der Neid all derer, die nicht das Walkman-Privileg des Ohrenschmalzteilens mit der Klassenschönheit genießen durften. Obwohl man dafür meist mit Mädchenpop – etwa Billy Joel – beschallt wurde. Einschub Ende)

Wienwoche-Buben

Ich hatte gerade davor eine Schulklasse erlebt. Wienwoche oder so ähnlich. Auf alle Fälle hatte etwa die Hälfte der Knaben Handys in der Hand, aus denen Bummbumm-Musik knarzte. Die Lautsprecher waren ebenso überlastet, wie die Songs unerträglich waren. Aber ich bin mir nicht sicher, ob die Kombination das Resultat schlimmer oder erträglicher machte. Es dürfte sich um ein Balzritual gehandelt haben: Wer konnte, hatte die Außenlautsprecher seines Mobiltelefons aktiviert, spielte aktuellen Teenie-Holler und blickte verächtlich zu den lautsprecherhandylosen Altersgenossen herab und kampfeslustig auf die anderen Wummer-Telefonbesitzer hinüber.

Die Mädchen waren desinteressiert bis genervt. Vermutlich war das nicht einmal gespielt: 14-jährige Buben üben auf gleichaltrige Mädchen meist eher wenig Anziehungskraft aus. Blöderweise kriegen das die Buben nur in den seltensten Fällen mit ­ und halten das Ignoriertwerden für Bettelei nach mehr männlicher Aktivität. Wenn da einer auf die Idee mit dem Handykrach kommt, packen alle aus. Das Übliche.

Ohrenleid

Und so litt ich. Wie alle um mich. Wissend, dass Aufmucken sinnlos gewesen wäre: Ein beknackter Erwachsener, der einer Gruppe von hormongebeutelten Halbwüchsigen einen Ordnungsruf erteilt? Dafür, das Ergebnis nicht vorhersagen zu können, ist meine eigene erste Pubertät noch nicht lange genug vorbei.

Wenig später stand dann das verliebt kopfhörerteilende Kiddiepaar vor mir. Das „Vielen Dank“ entschlüpfte mir irgendwie. Aber auch wenn ich mich damit zum Affen gemacht haben dürfte, war es mir nur so lange peinlich, bis die U-Bahn im Tunnel verschwunden war..

  • Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte
von Thomas Rottenberg

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"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

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