"Routiniert im schnellen Arbeiten"

9. November 2005, 23:02
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ESA-Manager Rudolf Schmidt im STANDARD- Interview über die Startverzögerung des "Venus-Express", die Suche nach außerirdi­schem Leben und die Farbe der Raumsonde

Darmstadt - Rudolf Schmidt leitet seit Jahren Raummissionen der ESA. Ab 1997 bereitete er den Start der Mars-Sonde "Mars-Express" vor. Parallel dazu begann er mit den Vorbereitungen für den "Venus-Express". Seit 2004 hat er die Planung der "Gaia"-Mission übernommen. Dieser Satellit soll im November 2011 starten, um ein dreidimensionales Bild der Galaxis zu erstellen. Am "Venus-Express" hat er dennoch bis zuletzt mitgewirkt.

STANDARD: Der für Oktober geplante Start der Venus-Sonde musste verschoben werden. Was war passiert?

Schmidt: Es war vier Tage vor dem Start, kurz bevor die Rakete auf den Startplatz geschoben werden sollte: Ein Ingenieur hat jene Schutzhülle geöffnet, mit der die oberste Stufe der Trägerrakete und die Sonde eingepackt sind. Er sollte die Stromversorgung von Sonde und Rakete miteinander verbinden. Dabei hat er entdeckt, dass unter der Schutzhülle glänzendes Material herumliegt, das da nichts verloren hat. Er hat sofort Alarm geschlagen, die Startprozedur wurde daraufhin unterbrochen. Das war natürlich sehr ärgerlich, denn alles war schon vorbereitet. Sämtliche VIPs waren unterwegs zum Raumfahrtbahnhof in Baikonur, alles war bereit.

STANDARD: Sind Sie nervös geworden? Immerhin ist erst vor Kurzem ein ESA-Satellit verglüht, weil die russische Trägerrakete versagt hatte.

Schmidt: Nein, wir waren alle völlig relaxt. Der "Venus-Express" wird von einer "Sojus"-Rakete ins All gebracht, diese Raketen sind extrem zuverlässig. Die haben schon 1800 Starts absolviert. Aber so ist das in der Raumfahrt: Wenn es nur den kleinsten Hinweis auf einen Defekt gibt, wird der Start abgebrochen. Mit einem schlechten Gefühl kann man nicht starten. Jeder Zweifel muss ausgeräumt werden. Das wurde auch hier gemacht.

STANDARD: Woher kam das glänzende Material?

Schmidt: Irgendjemand hat die Belüftung zu stark aufgedreht, mit der die Sonde und die Rakete gekühlt werden. Deshalb haben sich fingernagelgroße Teilchen einer Isolierfolie gelöst. Der oberste Teil der Rakete und die Sonde mussten deshalb in einen Reinstraum gebracht und gereinigt werden.

STANDARD: Haben diese Probleme damit zu tun, dass der "Venus-Express" in der Rekordzeit von nur dreieinhalb Jahren startbereit gemacht wurde?

Schmidt: Nein, wir sind ja schon routiniert im schnellen Arbeiten. Der "Mars-Express" hat auch nur viereinhalb Jahren nach Projektbeginn abgehoben. Um das zu schaffen, haben wir die Zusammenarbeit mit der Industrie optimiert, das hat viel Zeitersparnis gebracht. Neben diesem Know-how haben wir von damals auch noch Hardware mitgenommen, die konnten wir für den "Venus Express" verwenden - die beiden Sonden sind ja fast baugleich.

STANDARD: Sie unterscheiden sich allerdings in der Farbe. "Mars-Express" ist schwarz, "Venus-Express" glänzt golden. Ein Mode-Statement?

Schmidt: Nein. Die Farbe hilft bei der Temperaturregelung. Der "Mars-Express" ist von der Sonne weg geflogen, seine schwarze Hülle hilft, die schwächere Sonnenstrahlung einzufangen. Dadurch sinkt die Temperatur an Bord nicht zu tief. Der "Venus-Express" fliegt dagegen in Richtung Sonne. Deshalb muss die Sonde die Sonneneinstrahlung reflektieren, um ein Überhitzen der heiklen Gerätschaften zu verhindern.

STANDARD: Die Nasa hat mit ihrer Suche nach Leben auf dem Mars enormes öffentliches Interesse gewonnen. Jetzt soll der "Venus-Express" ausgerechnet auf der brennheißen Venus ebenfalls nach Leben suchen. Ist das mehr als ein PR-Gag?

Schmidt: Leben auf der Venus scheint auf den ersten Blick tatsächlich schwer vorstellbar. Eine Theorie besagt aber, dass rund 100 Kilometer über der Oberfläche des Planeten Bakterien entstanden sein könnten. Druck und Temperatur sind dort nicht mehr so extrem lebensfeindlich. Ob diese Theorie stimmt, ist nur eine von vielen Fragen, die der "Venus-Express" beantworten soll. Ich finde das eine besonders spannende Frage. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10. 11. 2005)

Das Interview führte Gottfried Derka

Zur Person
Rudolf Schmidt wurde 1949 im steirischen Hartmannsdorf geboren. Nachh dem Studium der Physik an der Universität Graz erfolgte eine Anstellung am Grazer Institut für Weltraumforschung. Seit 1982 leitet Schmidt ein Wissenschafterteam im Estec - dem Technologiezentrum der Esa - und managt Weltraummissionen. Er wohnt mit seiner Frau und zwei Töchtern im niederländischen Noordwijk nahe Den Haag.
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    Rudolf Schmidt

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