Viele Städte verhängen Ausgangssperren

10. November 2005, 15:02
4 Postings

Die Unruhen haben in der Nacht auf Mittwoch an Intensität abgenommen: Von einer dauerhaften Entspannung kann allerdings noch nicht die Rede sein

Die Unruhen in den französischen Vorstädten sind in der Nacht auf Mittwoch merklich weniger heftig ausgefallen, nachdem die Regierung den Ausnahmezustand ausgerufen und die Präfekturen dazu ermächtigt hatte, Ausgangssperren zu verhängen. In vielen Städten wurde davon Gebrauch gemacht, viele andere Bürgermeister, sowohl auf der politischen Rechten als auch auf der Linken, kritisierten die Maßnahme dagegen als glatt überzogen.

Trotz dieser Bedenken befürwortet laut einer Umfrage der Tageszeitung Le Parisien eine Mehrheit von 73 Prozent der Franzosen das harte Durchgreifen der Regierung. Im ganzen Land kam es allerdings dennoch wieder zu Ausschreitungen. 617 Autos wurden laut Innenministerium angezündet. Damit war die Anzahl solcher Brandstiftungen, für die makabere Bezeichnungen wie "Autogrill" oder "Barbecue" im Umlauf sind, nicht einmal halb so groß wie in der Nacht davor.

In den Medien wird darüber debattiert, wie mit der Berichterstattung über Vandalismus generell umgegangen werden soll. (Revanche für "Katrina": Verkehrte Medien-Welt) Eine genaue Auflistung der Schadensfälle, so befürchten manche von ihnen, könnte den Ehrgeiz einiger Jugendlicher, frühere "Barbecue"-Rekorde noch zu überbieten, erst recht anstacheln.

Das böse Wort vom Abschaum ("racaille"), mit dem Innenminister Nicolas Sarkozy die jugendlichen Rebellen bedachte, sorgt indes in der öffentlichen Debatte über die Ausschreitungen immer noch für Verärgerung. Der dunkelhäutige Fußballspieler Lilian Thuram, Verteidiger in der Nationalmannschaft, meinte, dass er sich ungeachtet seiner Vergangenheit als Vorstadtkind keinesfalls als "Abschaum" traktieren lassen wolle.

Sarkozy startete Dienstagnacht in Toulouse, wo er während einer Randale den Polizisten Mut zusprach, einen linguistischen Entlastungsangriff, indem er seinerseits auf verharmlosende Sprachgewohnheiten der Banlieue-Bewohner hinhackte. Er sei nicht einverstanden, wenn kleine Gauner ("voyous") als Junge ("jeunes") oder Mafiabosse ("caids") als "große Brüder" ("grands frères") bagatellisiert würden. Das ramponierte Image Sarkozys ist durch solche Auftritte freilich noch nicht repariert worden, im Gegenteil. Premier Dominique de Villepin darf sich darüber freuen, seinen Konkurrenten im Kampf um die Nachfolge von Präsident Jacques Chirac in einer Umfrage erstmals mit einer klaren Mehrheit von acht Prozent überrundet zu haben. (DER STANDARD, Printausgabe, 10.11.2005)

Von Christoph Winder aus Paris
  • Bild nicht mehr verfügbar

    In der Pariser Vorstadt Le Kremlin-Bicètre überwachen Polizisten die Ausgangssperre.

Share if you care.