Schicksal aus dem Internet

16. November 2005, 13:13
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Für Hinterbliebene von ins KZ-Nebenlager Bretstein Deportierten stellte eine Grazer Romanistin Namen ins Internet - Pedro Noda fand seinen Großvater

Bretstein/Graz - Pedro Noda, ein heute 29-jähriger, auf Lanzarote lebender Mann, wusste "irgendwie immer, dass es in seiner Familie einen Großvater gegeben hatte, den es nie gegeben hat", erzählt Eva Feenstra, eine aus Spanien stammende Romanistin an der Uni Graz. Aber als Noda vor einigen Monaten seinen eigenen Namen im Internet "googelte", wurde unversehens ein Teil seiner Familiengeschichte nach über 60 Jahren erhellt.

Denn Pedro Noda führt - wie sein Vater - zum Teil den Namens seines Großvaters. So erfuhr er im Internet, dass sein Großvater, Pedro Noda de la Cruz, in einem Nebenlager von Mauthausen, im obersteirischen Bretstein, am 6. Mai 1942 getötet wurde. Er war 28 Jahre alt, gleich alt wie der Enkel, als dieser las, dass der Großvater in Bretstein begraben liegt.

Der 1913 in Yaiza, einer Gemeinde im Süden von Lanzarote, geborene Noda de la Cruz wuchs als Landarbeitersohn auf und flüchtete 1937 nach Afrika, um sich den gegen das faschistische Regime von Francisco Franco kämpfenden Republikanern anzuschließen. Zuvor heiratete er aber noch die 18-jährige Candelaria Sanginés Romero, die Ende 1937 einen Sohn, Pedro II, zur Welt brachte. Ob dessen Vater jemals davon erfuhr, ist ungewiss. Vom Enkel erfuhr Feenstra nur, dass Candelaria ihren Mann sehr geliebt hatte, aber nie viel von ihm sprach, weil sie als Alleinerzieherin ohnehin geächtet war und sich und ihr Kind als Witwe eines Regimegegners noch mehr in Not gebracht hätte. Die letzten Briefe von Pedro erhielt sie aus einem Anhaltelager in Frankreich, aus dem auch das einzige Foto des Mannes stammt. Während sie seine Briefe aus Angst vernichtete, behielt sie das Bild. 1999 starb die Frau, ohne zu wissen, was ihrem Mann passiert war.

Nacht und Nebel

Dass Menschen wie Candelaria nicht erfuhren, wo ihre Lieben starben, hat einen Grund, wie Feenstra erklärt: "Als Hitlers Außenminister Joachim von Ribbentrop den Außenministers Francos, Ramón Serrano Súñer, fragte, was mit den Spaniern in französischen Flüchtlingslagern geschehen sollte, meinte dieser, das seien alles Heimatlose, keine Spanier mehr." Also wurde Noda de la Cruz zusammen mit rund 12.000 weiteren republikanischen Spaniern in deutsche KZs deportiert, die meisten von ihnen nach Mauthausen. "Man nannte sie Nacht-und-Nebel-Häftlinge". Weil die Diktatur Francos kein Interesse daran hatte, ihre Mitverantwortung für deren Tod publik zu machen, erfuhren Familien wie jene Pedros sehr selten, wann und in welchen Lagern ihre Verwandten umgebracht wurden.

Der Jazzmusiker Berndt Luef war von dieser Geschichte so betroffen, dass er die Komposition "Pedro Noda de la Cruz" schuf. Diese wird morgen, Freitag, um 19.30 Uhr bei einer Veranstaltung des Vereins KZ-Nebenlager Bretstein im Gasthof Beren in Bretstein unweit der letzten Ruhestätte des spanischen Republikaners uraufgeführt. Begleitend dazu wird Feenstra die Geschichte nochmals vortragen. Noch war Pedros Familie nicht bei seinem Grab, doch die Bürgermeister von Bretstein und Yaiza überlegen, einer Städtepartnerschaft zu schaffen. (Colette M. Schmidt/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10. 11. 2005)

  • Pedro Noda de la Cruz (2. v. l. vorne) in einem französischen Anhaltelager. Das Bild war alles, was der Witwe und dem Sohn von dem verschwundenen Spanienkämpfer blieb.
    foto: privat

    Pedro Noda de la Cruz (2. v. l. vorne) in einem französischen Anhaltelager. Das Bild war alles, was der Witwe und dem Sohn von dem verschwundenen Spanienkämpfer blieb.

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