Erinnerung und Gedächtnis an einem fast lieblichen Ort

16. November 2005, 13:13
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Die Architekten des Besucherzentrums Mauthausen über ihr Projekt

Die Aufgabe lautet: die Aufmerksamkeit auf etwas zu lenken, was in der Wirklichkeit nicht mehr sichtbar und vorstellbar ist. Nach Lösungen suchen die Erbauer von Mahnmalen und Gedächtnisstätten seit jeher.

Einen Umgang mit dem Thema an besonders schwieriger Stelle präsentierten zwei Architekten am Dienstagabend im Wiener Freud-Museum: Karl Peyer-Heimstätt und Christoph Schwarz von der Bürogemeinschaft MSPH waren mit der Errichtung des Besucherzentrums bei der Gedenkstätte Mauthausen beauftragt worden und zogen ein Resümee über ihr Projekt.

Viele Kräfte lasten und zerren am Ort des ehemaligen Vernichtungslagers: von der Anordnung der Sowjets, dass Mauthausen zu erhalten sei, über Eingriffe in die Bausubstanz und die Errichtung verschiedenster Denkmäler bis zu gestalterischen Details.

Um architektonische Maximen ging es zunächst auch in der von Michael Kerbler (Ö1) geführten Diskussion. Die beiden Hollein-Schüler begründeten die Wahl von Materialien wie Sichtbeton ("wertneutral") und großen Glaswänden. Sie zeigten Blickachsen und Fluchtpunkte, die den zur Durchschleusung von Besuchergruppen optimierten, wie üblich mit Archiv, Ausstellungsfläche und "Bookshop" versehenen Bau mit dem eigentlichen Mauthausen verbinden sollen.

Pforte zur Hölle

Der Fachdiskurs wich aber in der Debatte mit dem Publikum bald grundlegenden Fragen. Was hat der Ort mit der Vermittlung von Erinnerung zu tun? Kann er sie überhaupt leisten, ist dafür nicht ein virtueller Raum besser, während man die unmittelbare Anschauung auf die Baracken und den Stacheldraht beschränken sollte? Aber, warf hier Friedrich Achleitner ein, unvermittelt sei Mauthausen inzwischen ein fast "lieblicher Ort in wunderschöner Landschaft" geworden (wenn nicht aus gewisser Entfernung immer schon gewesen) - daher sei der Bau des Zentrums nötig gewesen. Doch die Kritiker hakten mit dem Argument nach, dass eine Vermittlung des Grauens auf der Ebene wertneutraler Architektur gar nicht möglich sei. Was wiederum, so die Antwort, nicht bedeuten darf, dass man gar nicht erst versuchen solle, etwa den anreisenden Schülern ein Ahnung von der Geschichte des Lagers zu geben.

"Wie konstruiert man eine Pforte zur Hölle?", so definierte Lutz Musner vom mitveranstaltenden Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften IFK die Probleme der Architekten. Die aber konnten auch nur auf den immer stärker analytischen Blick zurückverweisen: In Wirklichkeit entschwindet die Substanz "Mauthausen" mit den letzten Überlebenden.

Dass aber ein Teil der Gebäude, vor allem im Nebenlager Gusen, heute in Privatnutzung steht, das - so eine Publikumsstimme - sei der eigentliche Skandal und gebe eine guten Einblick in den Umgang des Nachkriegsösterreich mit Stätten des Grauens. (Michael Freund/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10. 11. 2005)

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