Funke der Gewalt

10. November 2005, 10:11
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Wachsamkeit und nicht Gelassenheit sollte die Devise sein - Kolumne von Paul Lendvai

Die schweren Ausschreitungen in Frankreich haben nicht nur den sozialen Frieden im Land erschüttert, sie lösen auch europaweit eine kaum verhohlene Angst aus, dass der Funke der Gewalt trotz gravierender Unterschiede überspringen könnte. Was der Diskussion über das Zusammenleben ethnischer Minderheiten mit der jeweiligen Bevölkerungsmehrheit eine besondere Brisanz verleiht, ist die Tatsache, dass nicht nur bei den jüngsten Krawallen, sondern auch bei den Terroranschlägen in den Niederlanden oder Großbritannien radikalisierte Zuwanderer der zweiten Generation agierten.

In Frankreich wirkt nicht nur die politische Klasse hilflos. Der französische Schriftsteller Francois Bon, der seit Jahren in den Pariser Vorstädten lebt, hat in einem schonungslos ehrlichen Beitrag für die Neue Zürcher Zeitung bereits im ersten Absatz kapituliert: "Das Denken selbst ist schachmatt gesetzt." Er spricht von der Ernte der Verachtung: "Alles verhärtet sich, jetzt bricht das Chaos aus, Elend wendet sich gegen Elend."

Bon und seine Freunde im Lehr-, Kultur- und Sozialbereich werden "wie die Feuerwehrautos" auch mit Steinen beworfen. "Nicht nur Autos sind verbrannt, sondern auch die von uns gesponnenen Fäden. Ich habe Angst."

Der Frankreich-Kenner und Napoleon-Biograf Joachim Willms sieht die wichtigste Ursache in der "republikanischen Selbsttäuschung", darin, dass es um junge Franzosen geht, die sich um die Aussicht auf sozialen Aufstieg betrogen fühlen. In Frankreich ist es aus Rücksicht auf den Staatsgrundsatz der Gleichheit ein politisches Tabu, etwa Statistiken über ethnische oder religiöse Bindungen zu erarbeiten und zu veröffentlichen.

Jeder dritte Jugendliche in den französischen Großstädten ist arbeitslos. Zugleich ist Paris die Stadt mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen im Euro-Raum. In den Einwanderer-Quartieren prägt jedoch das kollektive Erlebnis der Zukunftslosigkeit die Stimmung der Vorstadtjugend nord- und schwarzafrikanischer Herkunft. Bei den Krawallen geht es nicht nur um die spontane Empörung der Jugendlichen, sondern oft auch um Drahtzieher der Drogenmafia und Verbrecherbanden. Aber auch kriminell motivierte Krawalle können schwer wiegende politische und soziale Konsequenzen haben.

Die bisher Unbeachteten nehmen subjektiv Rache für den weißen "Polizeirassismus" und dominieren die Fernsehnachrichten Europas. Der vor allem durch Fernsehbilder genährte Nachahmungseffekt könnte auch in Deutschland mit 3,2 Millionen Muslimen, in Großbritannien mit 1,5 Millionen, in den Niederlanden mit einer Million und Spanien mit 800.000 Muslimen Folgen haben.

Wachsamkeit und nicht Gelassenheit sollte deshalb die Devise sein, weil sich ein Flächenbrand überall in Europa, zum Beispiel in den Einwanderervierteln Birminghams oder Amsterdams entfachen könnte. "Wenn wir uns nicht um die ausländischen Jugendlichen kümmern, dann haben wir in 10 Jahren Paris hier", sagte etwa der Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln in der Süddeutschen Zeitung.

Arbeitslosigkeit und Armut, Rassismus und fehlende Sozialstrukturen, mangelnde Integration und unbewältigte Einwanderung sowie neuerdings auch die Radikalisierung von jungen Muslimen bieten genügend Zündstoff.

Es gibt keine Patentrezepte, vor allem nicht nur durch den Vorrang der Polizeigewalt. Die EU-Staaten brauchen eine neue, den jeweiligen Gegebenheiten angepasste Assimilations-und Integrationsstrategie. Es könnte aber auch im Falle einer entschlossenen Staatsführung möglicherweise Jahrzehnte dauern, bis diese substanzielle Erfolge zeitigt. (DER STANDARD, Print, 10.11.2005)

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