"Der Wert wurde ganz eindeutig gemindert"

15. November 2005, 12:59
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Das Bundesdenkmalamt über die von der Albertina vorgenommene Beschneidung einer Schiele-Zeichnung

Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder ließ, wie berichtet, fünf Millimeter aus einer Schiele-Zeichnung schneiden. Dadurch wurde die Rezeptionsgeschichte eliminiert, erklärt Eva-Maria Höhle vom Bundesdenkmalamt.


Wien - Ab 7. Dezember will Klaus Albrecht Schröder, Direktor der Albertina, mit dem zeichnerischen Schaffen von Egon Schiele Kassa machen. Die Ausstellung wurde kurzfristig ins Programm genommen: Eigentlich hätte der Großteil des Schiele-Bestandes zu diesem Termin in London gezeigt werden sollen.

Doch Schröder sagte die Präsentation in der Royal Academy ab. Nicht ganz freiwillig: Er zeigte die lichtempfindlichen Blätter heuer schon einmal im Ausland - in Amsterdam. Und das Bundesdenkmalamt hatte die Ausfuhrerlaubnis nur mit dem Hinweis, dass die Zeichnungen danach einer längeren Ruhezeit bedürfen, erteilt.

Eva-Maria Höhle, Generalkonservatorin des Denkmalamtes, erklärt: "Die Blätter erholen sich zwar nicht, wenn sie im Dunklen gelagert werden. Ihr Zustand bleibt stabil. Aber sie verändern sich, wenn sie z. B. dem Licht und Temperaturschwankungen ausgesetzt werden. Das heißt: Die international gepflogenen Ruhezeiten dienen dazu, die Objekte für nachfolgende Generationen zu erhalten."

Schröder missachtet dieses Gebot der Ruhezeit. Das Denkmalamt ist aber machtlos, da die Ausstellung im Inland stattfindet. Eva-Maria Höhle: "Wir können sie nur zur Kenntnis nehmen. Die Verantwortung trägt der Direktor." Eine Beschwerde bei der übergeordneten Dienststelle wurde nicht erwogen: "Dem Bildungsministerium ist das Faktum, dass die Blätter eine Ruhezeit benötigen, bekannt. "

"Risiko zu groß"

Schröder will in der Albertina auch jene Grafiken präsentieren, die er in der Schweiz restaurieren ließ. Die hauseigene Restaurierungswerkstätte hatte sich vehement gegen die Eingriffe ausgesprochen. Denn Christoph von Albertini bleichte vier Blätter mit Chloramin T. Ob der Diskussion, ausgelöst durch die Recherche des STANDARD, wurde das Denkmalamt beauftragt, ein Konsilium einzuberufen, das Mitte Oktober stattfand. Die Ergebnisse gab das Ministerium in einer knappen Presseaussendung bekannt.

Höhle fasst daher noch einmal zusammen: "Die Stellungnahmen der Gutachter waren sehr konzise. Chloramin T wird nicht mehr verwendet, weil das Risiko, das Blatt zu schädigen, zu groß ist. Es gibt heute schonendere Vorgangsweisen. Die Gutachter empfehlen, die mit Chloramin T behandelten Blätter separat zu deponieren, denn wir mussten feststellen, dass im Papier doch beträchtliche Mengen von Chlor enthalten sind, die teilweise noch entweichen können. Die Chlorrückstände gehen eindeutig auf die restauratorische Behandlung zurück. Die Gutachter haben zudem vorgeschlagen, die Auswirkungen im Rahmen eines Forschungsprojektes zu analysieren. Da Schädigungen, falls es sie gibt, erst in Jahren sichtbar werden, sollten regelmäßig Farbmessungen des Papiers durchgeführt werden."

Noch gravierender ist der Eingriff, den sich Albertini beim Mädchenhalbakt gestattete. Ein Vorbesitzer hatte die untere Hälfte, weil er das Geschlecht verbergen wollte, über einen Karton nach hinten geknickt. Dadurch waren im Abstand von vier Millimetern zwei Knicke entstanden. Der Restaurator zertrennte das Papier, entfernte insgesamt fünf Millimeter Substanz - und fügte die beiden Hälften wieder zusammen.

"Nicht vertretbar"

Höhle: "Statt des Doppelknicks sieht man nun nur einen Stoß, eine Linie. Was mit dem Material passiert ist, geht aus dem uns vorliegenden ersten, unausführlichen Restaurierungsbericht nicht hervor. Der wissenschaftliche Wert wurde durch diesen Eingriff ganz eindeutig gemindert. Weil die Rezeptionsgeschichte nicht mehr nachvollziehbar ist. Wie für jedes Denkmal gilt auch hier: Die Rezeptionsgeschichte ist ein wesentlicher Bestandteil. Sie hat erhalten zu werden." Fazit: "Technisch war der Restaurator zwar perfekt. Aber was er gemacht hat, ist ethisch nicht vertretbar. Ein Blatt darf grundsätzlich nicht verkürzt werden."

Dennoch darf Schröder einen Erfolg, wenn auch einen zweifelhaften, für sich verbuchen: Das Ministerium wird keine neue Liste mit Kunstwerken erstellen lassen, die prinzipiell nicht ausgeführt werden dürfen. Der Albertina-Direktor hatte sich gegen eine solche Liste ausgesprochen. Höhle: "Wenn ein Direktor grundsätzlich davon ausgeht, dass alle Kunstwerke, die ihm der Staat geliehen hat, entlehnbar sind, damit er umgekehrt ein Maximum an Leihgaben bekommen kann, dann ist so eine Liste für ihn natürlich ein Hindernis. Wenn es keine Liste gibt, kann der Direktor theoretisch alles verleihen."

Ob sie diese Entscheidung bedauert? Höhle schweigt. Es ist aber anzunehmen. Denn: Nur wenn ein Direktor Kunstwerke ins Ausland verleihen will, benötigt er eine Genehmigung. Falls er sich ans Denkmalschutzgesetz hält. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.11.2005)

Von Thomas Trenkler
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    Die Albertina präsentiert demnächst, zum zweiten Mal in diesem Jahr (nach Amsterdam), ihre empfindlichen Schiele-Blätter. Eva-Maria Höhle hält Ruhezeiten aber für notwendig.

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