"Landwirtschaft wird für falsche Ziele geköpft"

21. November 2005, 14:34
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Der oberste Bauern­vertreter Rudolf Schwarz­böck erklärt im STANDARD-Interview warum die Bauern sich als Opfer der WTO-Verhand­lungen sehen

STANDARD: Sie meinen, dass bei den Vorverhandlungen zur Ministerkonferenz der Welthandelsorganisation (WTO) in Hongkong nur Konzessionen gemacht werden, die die europäische Bauernschaft tragen muss. Wie erklären Sie das?

Schwarzböck: Ja, Europa hat im Rahmen der europäischen Agrarreform massive Vorleistungen für die Verhandlungsrunde gemacht. Und jetzt wurden diese Angebote von EU- Kommissar Peter Mandelson noch weiter unterboten. Wir sind damit verhandlungspolitisch in die Defensive geraten. Und es wird so getan, als ob die Agrarwirtschaft das einzige Problem im gesamten Welthandel wäre.

STANDARD: Aber diese WTO- Runde hat die Entwicklung armer Länder im Fokus. Da ist die Landwirtschaft zentral.

Schwarzböck: Entwicklungsländer sind bei den Vorverhandlungen jetzt aber gar nicht dabei. Am Verhandlungstisch sitzen die USA, die EU, Brasilien, Australien und Indien. Was da herauskommen kann, wurde von Kritikern bereits als die "Diktatur der Elefanten" bezeichnet.

STANDARD: Trotzdem: Wie soll mehr Gerechtigkeit für Entwicklungsländer zustande kommen, wenn nicht über den Zugang zu Märkten für ihre Agrarprodukte?

Schwarzböck: Dazu stehen auch wir Bauern. Aber nicht, indem etwa Brasilien, ein Land, das konkurrenzlos billig produzieren kann, alles aus dem Markt drängt, indem es keine Rücksicht auf ökologische und soziale Standards nimmt.

Außerdem liegt da jetzt der Ball bei anderen großen potenziellen Abnehmern von Agrarprodukten: Japan und die USA. Die haben nicht einmal bruchstückhaft so viel angeboten wie die EU. Die EU importiert bereits jetzt mehr Agrarprodukte aus Entwicklungsländern als die USA und Japan zusammengenommen.

STANDARD: Dafür sollen die reichen Länder aber auch Zugang zu neuen Märkten, etwa für ihre Industriegüter oder bei Dienstleistungen, bekommen. Kein tauglicher Ausgleich?

Schwarzböck: Ich warne davor zu glauben, dass Europa durch eine Schwächung seiner Landwirtschaft mehr Industrieexporte wird haben können. Das läuft auf eine wirtschaftliche Schwächung Europas insgesamt hinaus.

Am Beispiel des Automobilsektors sieht man, dass wir auch dort Märkte verlieren, wo wir eine traditionell etablierte Industrie haben. Zu glauben, dass ein Unternehmen, das etwa in China Märkte nützt, seine dort erwirtschafteten Gewinne in der Hochlohnregion Europa reinvestiert, ist illusorisch. Für solche Ziele die Landwirtschaft zu köpfen, halte ich für falsch.

STANDARD: Berechnungen der Landwirtschaftskammer haben ergeben, dass nach den neuen EU-Vorschlägen zur Zollreduktion bei Agrargütern sich beispielsweise der Preis bei Rindfleisch halbieren würde. Das ist schon ein Argument für Konsumenten, oder sehen Sie das anders?

Schwarzböck: Es ist ein Irrtum zu glauben, dass wir weiter hoch verdienen werden, wenn die anderen für uns billig produzieren, ohne unsere Standards einzuhalten. Erklärte Ziele Europas sind Wachstum und Beschäftigung. Indem man alles querbeet liberalisiert, werden diese Ziele unterminiert.

STANDARD: Was würden Sie sich von Hongkong wünschen?

Schwarzböck: Es steht meiner Meinung nach 50 : 50, dass es überhaupt dazu kommt. Akzeptieren könnte ich ein WTO-Ergebnis, das die GAP- Reform, die jüngste Umgestaltung der europäischen Agrarpolitik, nicht unterfährt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.11.2005)

Zur Person

Der Niederösterreicher Rudolf Schwarzböck (57) ist langjähriger Präsident der Land­wirtschafts­kammer Österreich und seit Kurzem auch Chef des Europäischen Bauernverbandes COPA in Brüssel.

Das Gespräch führte Johanna Ruzicka

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WTO

Land­wirtschafts­kammer Österreich
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    foto: der standard/andy urban
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