Fahnen im Meer der Resignation

25. November 2005, 15:18
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Aserbaidschans Opposition müht sich mit der Mobilisierung

"Freiheit", "Ilham – Lügner" und immer wieder "Rücktritt" hallt es in dieser Baustellenwüste im Westen Bakus, wo die Regierung weit entfernt vom Zentrum der Hauptstadt eine Art Demonstrationsbahn eingerichtet hat, auf der Parteien und ihre Anhänger umhermarschieren dürfen und nebenbei die Ölmillionen von Privatleuten in den Neubau von Wohnsilos fließen – oder gewaschen werden, wie Kritiker des Regimes von Aserbaidschans Präsident Ilham Aliew gern sagen.

Solchermaßen ist die Kulisse beschaffen, durch die am Mittwoch, am dritten Tag nach den weithin gefälschten Parlamentswahlen, die Anhänger der Opposition ziehen, Studenten, Familienväter in Anzügen und mit dem schweren Gang von Arbeitern, orange Fahnen schwenkend und den Ruf nach Freiheit auf den Lippen. Zumindest aus der Ferne sehen sie aus wie eine Streitmacht.

Versicherungen

Tatsächlich können sie am Ende den "Galaba"-Platz vor dem gleichnamigen Kino aus sowjetischen Zeiten kaum füllen. Mehr als 10.000 Menschen haben die Führer des Oppositionsblock "Azadlyg" – "Freiheit" – und der Liberalen Partei mit ihrer populären Führerin Lala Schowket, die sich mittlerweile den Protesten anschloss, nicht mobilisieren können. Schulter an Schulter stehen einige hundert Polizisten mit Helmen und Plastikschildern um den großen Rasen in der Mitte des Platzes. Das Militär habe alle Zufahrtstraßen abgeriegelt und lasse keine weiteren Oppositionsanhänger nach "Galaba", versichern sich die Demonstranten gegenseitig.

Ein Leichentuch

Ein Dichter tritt auf die kleine Rednertribüne über dem Platz, wo die Oppositionsführer Ali Kerimli, Isa Gambar und Lala Schowket aufgereiht stehen wie die Mitglieder eines Politbüros, unbewegt und windumtost. Der Staatschef habe mit diesen Wahlen ein Leichentuch über das Land geworfen, ruft der Dichter ins Mikrofon, so wie man einen toten Mann in ein Tuch wickle. "Freiheit, Freiheit", brüllt die Menge. Doch die Stimmung im Land ist anders: Resignation scheint in die Menschen gekrochen zu sein.

Die Führer der Oppositionsparteien haben dabei nicht viel mehr anzubieten als Wiedererzählungen über die Wahlfälschungen vom vergangenen Sonntag und grob gehauene Parolen. "Seid ihr bereit, bis zum Ende zu kämpfen?", brüllt Kerimli, der Chef der Volksfrontpartei. Natürlich schreit die Menge Ja.

Auf den Faktor Zeit kommt es an. Können sich Aliews Gegner über die sonst üblichen Demonstrationsverbote hinwegsetzen und wie nun angekündigt jeden Tag den "Galaba"-Platz besetzen, mögen sie mehr offene Unterstützung in der Bevölkerung finden. Ilham Aliew ist angesichts der internationalen Kritik an seinen Parlamentswahlen um Schadensbegrenzung bemüht. Mindestens zehn der 125 Wahlkreise sollen neu ausgezählt werden, darunter auch jener von Ali Kerimli.

Haidars Brot

Lala Schowket, die Chefin der Liberalen Partei und eine Dame vom resoluten Zuschnitt früherer sowjetischer Funktionäre, glaubt indes, das Gefühl der Aserbaidschaner nach den neuerlich manipulierten Wahlen zu kennen. "Für mich als Wissenschafterin ist es erniedrigend, in einem Land zu leben, wo der Präsident sagt, wir bekommen das Brot zu essen, das uns Haidar Aliew gebracht hat", sagte sie im STANDARD-Gespräch. "Sollen wir jetzt zu Hause sitzen und den Mund halten, so dass alle Welt denkt, das hier ist ein Sklavenstaat?"

Haidar Aliew, der frühere KP-Sekretär in Aserbaidschan und Präsident der unabhängig gewordenen Republik, war auch auf dem "Galaba"-Platz präsent: Von einem Poster blickte er auf die Demonstranten und lächelte fein. (DER STANDARD, Print, 10.11.2005)

Markus Bernath aus Baku
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