"Im Viertel abgestellt": Das trostlose Leben der Einwanderer-Jugend

14. November 2005, 08:29
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Die Algerien-Französin Fadela Amara über Ghettoisierung, Bandenwesen, Schattenwirtschaft und "Kellerislam"

Wien - Fadela Amara weiß, wovon sie spricht. Das algerische Einwandererkind der zweiten Generation, aufgewachsen in der französischen Provinzstadt Clermont-Ferrand in einer traditionellen maghrebinischen Familie, hat in diesem Frühjahr ein Buch über den Kampf der Immigranten-Töchter um Frauenrechte und sozialen Aufstieg geschrieben. Im Kapitel "Die traurige Bilanz eines Verfalls" ihres Buchs "Weder Huren noch Unterworfene" analysiert sie akribisch eben jene Zustände, die sich zur Zeit in gewalttätigen Jugendkrawallen entladen.

Geradezu beängstigend angesichts des gegenwärtigen "Kriegs der Straße" ist die Schlussfolgerung, welche Amara zieht - die Situation der dritten Generation von Migranten habe sich derart verschlechtert, dass Bandenbildung und ein Abdriften in mafiöse Strukturen, aus einem Gemisch von Frust und Zynismus heraus, unter den jungen Männer in den Vorstädten nicht verwunderlich seien. Und beunruhigend ist das Faktum, dass diese Jugendlichen den Kampf ihrer Eltern um Integration und Aufstieg als gescheitert betrachten. "Sie fühlen sich in den Vierteln 'abgestellt'".

Abstieg

Amara beschreibt den Abstieg: "Die kulturelle und soziale Verödung fiel mit wachsender Arbeitslosigkeit unter den Jugendlichen der Vororte zusammen. Das Wirtschaftswachstum ging an den Problemvierteln vorbei. Diese stillschweigende Ausgrenzung verstärkte den Eindruck, von der Republik, die sich scheinbar nicht gleichermaßen um alle ihre Kinder sorgt, missachtet zu werden. Die große Mehrheit der Vorstandjungen - das gilt weniger für die Mädchen, da sie seit frühester Kindheit gewohnt sind zu kämpfen - empfanden die gesamte Situation als extreme Ungerechtigkeit und Ablehnung seitens der französischen Gesellschaft, was für sei eine schlimme Erfahrung war."

Der politische Kampf sei gescheitert: "Die Jugendlichen der dritten Generation haben ihre Lehre aus unseren Kämpfen, dem politischen Einsatz der Einwandererkinder in den 80er Jahren gezogen. Lange Zeit waren wir für sie ein Beispiel. Heute jedoch bewerten sie unsere Bemühungen als gescheitert..... In ihren Augen ist der klare Beweis für dieses Versagen, welches sie uns immer wieder unter die Nase reiben, unser Fehlen auf der politischen Bühne. Sie werfen uns vor, auf den Wahllisten der Gemeinden als Vorzeigeschwarze, - araber oder -araberinnen gedient zu haben, dass wir jedoch nicht irgendeinen Posten mit Entscheidungsmacht besetzen konnten, von dem aus wir tatsächlich etwas hätten ändern können."

Werteverlust

Mit der Krise gingen Werte wie Solidarität und Respekt auch in den Familien verloren: "Die Lebenseinstellung der heutigen Jugendlichen ist viel zynischer, pragmatischer, vielleicht auch realistischer als unsere. Sie wurden unter den schweren und harten Umständen der Massenarbeitslosigkeit geboren, die ihre Spuren in den Familien hinterlassen hat. Auf eine Art gehören sie einer geopferten Generation an, die es versäumt hat, für sich ein Zukunftsbild und ein Gesellschaftsideal zu entwerfen.... in den Problemvierteln verstärkt sich dieses Phänomen der Entpolitisierung noch." Es zähle nur noch das Geld: "Sie sehen nur noch einen Weg zu leben: den des Kräftemessens und der Gewalt."

Die Jugend fühle sich allein gelassen und wende sich vom System ab: "Der Prozess der Ghettoisierung und seine Auswirkungen auf das Verhalten der Jugendlichen zeigt Parallelen zu den Entwicklungen in den Vereinigten Staaten.... Man findet in diesen Vierteln die gleiche extreme Armut und soziale Not wieder. In den Armutsvierteln abgestellt, von der Politik allein gelassen, begannen die Jugendlichen, mit allem Möglichen zu handeln, eine Schattenwirtschaft aufzubauen und die Sprache der Gewalt zu sprechen, welche Zwistigkeiten auf ihre eigene Art klärt und das Bandenwesen blühen lässt. Viele Jugendliche denken, dass alles egal ist. Sie glauben nicht mehr an das System, von dem sie ausgeschlossen werden."

Gewalt

Die Hoffnunglosigkeit münde schließlich in Gewalt: "Seit Jahren haben die Jugendlichen aus den Banlieues keine Hoffnung mehr, ihre Welt ändern zu können. Sie haben gesehen, wie die Dinge sich selbst überlassen bleiben, wie Menschen weiterhin abgestellt werden. Diese Situation sozialer Isolation ließ ein mafiöses System mit seinen eigenen sozialen Normen und Verhaltenscodes entstehen.... Es ist immens wichtig, darüber zu sprechen, da die ersten Opfer von Gewalt immer all die Menschen sind, die in den Vorstädten leben und Geisel dieser 'schlagkräftigen Minderheit' werden."

Die Ghettoisierung hatte System: "Der Abstieg der Viertel ist nichts Neues..... Es begann mit der ersten großen Immigrationswelle nach Frankreich. Man brachte diese Menschen in Notunterkünften unter, die nur vorübergehend bestehen sollten.... Tatsächlich haben diese Elendsviertel Jahrzehnte überdauert.... Es gab natürlich Sanierungen, aber diese waren in etwa so sinnvoll wie ein Gipsverband auf einem Holzbein. Die Verantwortlichen betrieben eine Vogel-Strauß-Politik: nichts tun, in dem Glauben, dass diese Fremden ganz sicher wieder gehen würden. Sie blieben, und aus den Behelfssiedlungen wurden Stadtviertel."

"Kellerislam"

Später kam ein neuer, politischer Islam dazu, den Amara "Kellerislam" nennt, weil Gebetsräume oft in leeren Kellerräumen entstanden, und der Züge von Fortschrittsfeindlichkeit und gar Obskurantismus trage. "... zum Ende der 80erJahre, als unsere Vorstädte begannen, abzudriften und sich die Arbeitslosigkeit massiv ausbreitete. Nach und nach brachen alle Bezugspunkte, alle Dämme weg. In diese soziale Leere schlug der Obskurantismus seine Wurzeln." (APA)

Buchtipp

Fadela Amara, "Weder Huren noch Unterworfene", Orlanda Frauenverlag GmbH Berlin, 2005, ISBN 3-936937-26-5.

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