Stärkeres Augenmerk auf die Rolle der Epigenetik

9. November 2005, 18:59
posten

Vorsitzender der Bioethikkommission über die Konsequenzen neuer Erkenntnisse und PID ohne statistisch relevante Ergebnisse

Wien - Über möglicherweise umwälzende neue Fakten auf dem Gebiet der Biomedizin und auch der Vererbungsbiologie berichtete der Vorsitzende der Bioethikkommission Johannes Huber. So könnten etwa neue Erkenntnisse über die so genannte Präimplantationsdiagnostik (PID) in Belgien völlig neue Aspekte in die Diskussion bringen.

PID

Unter PID versteht man die Untersuchung von außerhalb des Mutterleibes befruchtete Embryonen vor der Einpflanzung. In Österreich sind derartige Untersuchungen nach der derzeitigen Gesetzeslage und nach Ansicht der Bioethikkommission nur in ganz bestimmten Fällen erlaubt. In anderen Ländern, darunter Belgien werden sie dagegen routinemäßig ausgeführt. Befürworter der Methode argumentieren unter anderem mit einer geringeren Belastung für die Mutter, wenn nur nachweislich gesunde Embryonen eingepflanzt werden. Kritiker befürchten eine Selektion der Embryonen bis hin zum Designer-Kind.

Wie die Studie laut Huber nun gezeigt hat, bringt die PID nichts. Das heißt, es kommt bei der Befruchtung außerhalb des Mitterleibes (IVF) mit PID statistisch nicht zu einem "besseren Schwangerschaftsausgang" als ohne. Derartige Erkenntnisse müssten jedenfalls beobachtet werden und sollten in eine allfällige Gesetzgebung in Österreich einfließen, so Reproduktionsmediziner Huber.

Vererbung erworbener Merkmale?

Möglicherweise noch weiter greifende Umwälzungen betreffen die gesamte Evolutionstheorie. So habe sich in mehreren aktuellen Studien gezeigt, dass entgegen der gängigen Theorie doch eine Vererbung von erworbenen Merkmalen eines Organismus möglich ist. Bis heute wurden Überlegungen in diese Richtung von renommierten Wissenschaftern als "Lamarckismus" abgelehnt. Laut der gängigen Evolutionstheorie gelten lediglich die zufällige Mutation und die Selektion als Triebfedern der Evolution.

Ein Beispiel dafür, dass es doch einen Prozess dieser Art geben könnte, ist laut Huber die Schädigung eines männlichen Embryos durch bestimmte Giftstoffe - Polyphenole - noch im Mutterleib. "Eine derartige Schädigung beeinträchtigt nicht nur die spätere Zeugungsfähigkeit des Menschen, er vererbt diese auch weiter", erklärte Huber. Ähnliche Ergebnisse gebe es bezüglich einer krankhaften Vergrößerung der Prostata. Auch dies könnte durch hormonell wirksame Stoffe ausgelöst und anschießend vererbt werden.

Diese Erkenntnisse müssten möglicherweise dazu führen, dass die gängige Evolutionstheorie erweitert werden müsse, und zwar um den Faktor der Epigenetik. Unter Epigenetik verstehen die Wissenschafter salopp gesagt das Drumherum der eigentlichen Erbsubstanz (DNA), beispielsweise wann welches Stück der DNA abgelesen wird und wann nicht. Es zeigt sich immer mehr, dass Umweltfaktoren dabei eine große Rolle spielen.

Umbesetzung

Drei Mitglieder scheiden indessen aus eigenem Wunsch aus der Bioethikkommission aus. Ersatz wird in den kommenden Tagen bekannt gegeben, der Rest von 16 Mitgliedern wird turnusmäßig für weitere zwei Jahre bestellt, erklärte Vorsitzender Johannes Huber bei einer Pressekonferenz am Mittwoch in Wien. Ausgeschieden sind Karl Acham (Universität Graz), Meinrad Peterlik (AKH Wien) und Renee Schroeder (Uni Wien).

Eine weitere Änderung ergab sich mit der nun beginnenden dritten Amtsperiode der Bioethikkommission. Christine Mannhalter (AKH Wien) wurde neben Günther Pöltner (Uni Wien) zusätzlich mit der Stellvertretung von Vorsitzendem Huber betraut. (APA)

Share if you care.