Einserfrage: Wie funktioniert die Masse?

21. November 2005, 14:39
55 Postings

Es antwortet: Ernst Berger, Vorstand des Neurologischen Krankenhauses Rosenhügel in Wien

derStandard.at: Gibt es eine typische Form des Widerstandes aus ärmeren und/oder weniger gebildeten Schichten?

Berger: Im Großen und Ganzen kann man davon ausgehen, dass Widerstand in diesen Schichten spontaner und auf aktuelles Erleben ausgerichtet auftritt und nicht in einer primär geplanten und strukturierten Form.

derStandard.at: Wie entsteht zerstörerischer und scheinbar zielloser Protest? Gibt es Reaktionsmuster?

Berger: Ich wäre vorsichtig mit dem Begriff "ziellos". Was man sagen kann ist, dass diese Erscheinungsform von Jugendprotest nicht auf Effektivität abzielt. Was zum Ausdruck kommt ist eine extreme Unzufriedenheit, das Ziel ist, diese Unzufriedenheit kund zu tun. Dass die Form des Ausdrucks dann nicht lösungsorientiert ist, ist klar. Aber ich würde die Jugendlichen deshalb nicht als ziellos bezeichnen.

Das Massenphänomen geht jedoch weit weit in die Sozialpsychologie hinein. Ich kann da zum Beispiel auf das Buch von Elias Canetti "Macht und Masse" verweisen. Da geht es im Wesentlichen darum, dass eine Gruppe von Menschen sich zu einem bestimmten Zeitpunkt in der gemeinsamen Aktion für ein gemeinsames Ziel begeistert und in dieser Situation Hemmschwellen wegfallen, die ansonsten eben vorhanden sind. Das ist auch der zentrale Mechanismus in Frankreich.

derStandard.at: Inwiefern kann die Energie eines solchen Aufstandes auch auf Jugendliche anderer sozialer Schichten und anderer Regionen übergreifen. Kann "Dabei sein ist alles" ein Motiv sein?

Berger: Zweifelos. Neben denen die aus einer Verzweiflungssituation heraus handeln gibt es solche, die einfach das Ereignis miterleben wollen und die selbst von einer ähnlichen Verzweiflung gar nicht erfasst sind. Das gibt dem Ganzen eine zusätzliche Dynamik und eben auch eine Dynamik der Erweiterung.

derStandard.at: Gibt es nationale und regionale Unterschiede im Ausdruck von sozialen Spannungen?

Berger: In Frankreich gibt es eine völlig andere Kultur des Ausdrucks von sozialen Widersprüchen und Spannungen als zum Beispiel in Österreich. Hier sind ja seit jeher große Streiks unter Teilnahme tausender Menschen aus allen Schichten Tradition. Bei uns in Österreich denkt man noch immer ergriffen an das Lichtermeer, bei dem in Wien gesamt 70.000 Menschen auf der Straße waren und das ist Jahre her. Wenn man auf die Traditionen in Frankreich schaut, ist die Bereitschaft, soziale Spannungen in den Straßenprotest zu tragen, einfach höher.

derStandard.at: Wie mobilisierbar für Straßengewalt ist Österreichs Jugend?

Berger: Der Mechanismus, dass aus einer Zahl von Menschen handelnde Masse entsteht, den gibt es grundsätzlich überall. Auch Straßengewalt kann es als Verhaltensweise überall geben. Die Frage ist, ob hier der Boden dafür vorhanden ist. Da kommt einerseits wieder der Aspekt der regionalen Traditionen zum Tragen und andererseits die Notwendigkeit der Spannungsabfuhr. Diese beiden Aspekte stellen sich in Österreich anders dar als in Frankreich. (mhe)

Ernst Berger ist Universitätsdozent, Facharzt f. Psychiatrie und Neurologie und Primarius in der Abteilung für Kinder und Jugendliche des Neurologisches Krankenhauses Rosenhügel in Wien.

Sie haben eine Einserfrage? Dann her damit, wir suchen für Sie ExpertInnen, die diese beantworten können.

Nachlese

Alle bisherigen Einserfragen

  • Artikelbild
    foto: standard/corn
Share if you care.