Studie vermisst Innovation bei politischen TV-Formaten

21. November 2005, 11:06
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"Rigide Quotenorientierung, fehlender Mut zur Innovation" - In der Prime Time kaum brisante Themen

Der politische Fernsehjournalismus in Deutschland hat nach einer aktuellen Studie "seit Jahren nichts wirklich Neues mehr hervorgebracht". Die strukturellen Ursachen dafür sind nach Ansicht des Autors Fritz Wolf "rigide Quotenorientierung, fehlender Mut zum Risiko und zur Innovation, die "Diktatur des audience flow" sowie unflexible Programmschemata". Der Medienjournalist Wolf hatte die Studie zur "Formatentwicklung im politischen Fernsehjournalismus" im Auftrag des Mainzer Medien-Disputs angefertigt, wo sie am Mittwochabend vorgestellt werden sollte.

In der Prime Time kaum brisante Themen

Kontroverse und politisch brisante Themen spielen laut Analyse auf den Dokumentationsplätzen von ARD und ZDF zur "Prime Time" - zwischen 20.15 und 22.30 Uhr - kaum noch eine Rolle. "Stattdessen werden diese Sendeplätze mehrheitlich mit vermeintlich quotensicheren Mehrteilern bestückt, die mehr den Unterhaltungsstoff im Auge haben als Aufklärung und Hintergrund-Information." Thomas Leif von der Projektgruppe des Medien-Disputs erläuterte: "Mit der Studie zur Formatentwicklung verbinden wir das Ziel, kreative Impulse für Programm-Innovationen zu geben und mehr Risikofreudigkeit bei der Gestaltung neuer Sendeformate anzumahnen."

In der Studie wird kritisiert, dass die Politmagazine der ARD durch die Änderung des Programmschemas von 45 auf 30 Minuten verkürzt werden. Dabei sei die Chance verpasst worden, durch einen veränderten Senderhythmus und längere Formate "neue Formen auszuprobieren, neue Konzepte zu entwickeln und gestalterischen Spielraum zu gewinnen".

Bedeutung gesunken

Die Studie bescheinigt den Politikmagazinen eine im Laufe der Jahre gesunkene politische Bedeutung. Rund um diese Formate sei die "Welt der Magazine geradezu explodiert", wobei besonders die Boulevard-Magazine eine wichtige Rolle spielten. Überhaupt gehöre es zu den "erstaunlichen Phänomenen" im Fernsehen, dass in jüngster Zeit "politische Stoffe von den journalistischen Formaten weggewandert und in die Fiktion eingewandert sind". Das gelte für das Nachstellen historischer Szenen ebenso wie für Mischformen nach Art der Doku-Fiction "Tag X - Terror über Deutschland" oder Fernsehfilme und Serien mit Schauspielern als Kanzlerdarsteller. "Das Fernsehen übernimmt Schritt für Schritt die Interpretationshoheit und überzieht alles Reale mit einem Netzwerk von Fiktionen." Die Folge: "Fernsehen hat Politik so lange personalisiert, dass es jetzt anfangen kann, Politiker zu fiktionalisieren." (APA/dpa)

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