Australische Dirigentin in Männerbastion

9. November 2005, 12:46
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Simone Young leitet als erste Frau ein Konzert der Wiener Philharmoniker

Wien - Eigentlich ist es für die Dirigentin Simone Young "lästig", dass ihre mehrfachen Sprengungen diverser orchestermusikalischer Männerbastionen so sehr im Mittelpunkt stehen, wie sie im APA-Gespräch feststellte. Doch Young hat nunmal wiederholt Musikgeschichte geschrieben, als erste Dirigentin u. a. am Pult der Wiener Staatsoper (1993), an der New Yorker Met und auch in der Los Angeles Opera (und dies erst im Jahr 2002). Und am Samstag steht die Australierin als erste Frau am Pult eines Konzertes der Wiener Philharmoniker.

Eine neue Situation ist dies für die 44-jährige Dirigentin eigentlich nicht: Zahlreiche Dirigate in der Wiener Staatsoper - zuletzt etwa bei der Premiere des Janacek/Puccini-Doppelabends "Osud/Le villi" absolvierte sie, und auch kürzlich bei der Gala im Wiener Burgtheater anlässlich 50 Jahre Wiedereröffnung leitete sie das Orchester. Nun folgt am Samstag (15.30 Uhr, auch am Sonntag um 11 Uhr) im Wiener Konzerthaus das erste Konzert, bei dem Bernsteins "Candide"-Ouvertüre, Aaron Coplands Konzert für Klarinette und Orchester und Robert Schumanns Symphonie Nr. 4 d-moll op. 120 erklingen werden. Statt dem ursprünglich vorgesehenen und nun erkrankten Thomas Quasthoff wird zudem Elina Garanca mit Mozart-Werken zu hören sein.

Ihr starke Wien-Präsenz versetzt die neue Intendantin und Generalmusikdirektorin der Hamburgischen Staatsoper im Moment ein wenig in Reisestress, "Ich muss derzeit sehr auf meine Kräfte aufpassen", bestätigt Young. Doch ebenso wie ihre Wiener Dirigate kann ihre zu Beginn der Saison angegangene Leitungsfunktion in der Hansemetropole schon erste Erfolge verbuchen: Mit der Repertoirevorstellung von "La Traviata" zum Start der Spielzeit, aber auch mit der ersten und gleich etwas sperrigen Premiere von Hindemiths "Mathis der Maler" heimste Young großen Jubel ein.

Biografisches

Die am 2. März 1961 in Sydney geborene Young debütierte 1985 in ihrer Geburtsstadt als Dirigentin und wurde nach ihrer Übersiedlung nach Europa im folgenden Jahr u. a. zur Assistentin von Daniel Barenboim in Paris und Bayreuth. An nunmehr "ihrem" Haus, der Hamburgischen Staatsoper, dirigierte sie erstmals 1996. Und in den 1990ern beginnt sie auch, ihre "Erste Frau am Pult von..."-Rekorde einzuheimsen. Young dirigierte etwa neben den bereits genannten "Premieren" als erste Frau einen kompletten "Ring" in Deutschland. Und auch jetzt noch ist es auch für die Musiker noch nicht "völlig normal, dass eine Frau vorne steht. Das wird vielleicht in hundert Jahren normal sein. Erst, fürchte ich. Ich habe gehofft, dass es schneller geht", so Young zur APA.

Von 1999 bis 2002 war Young Chefdirigentin des Bergen Philharmonic Orchestra. Von Jänner 2001 bis Dezember 2003 war sie Künstlerische Leiterin und Chefdirigentin der Australian Opera in Sydney und Melbourne. In ihrer Karriere hat sich die 44-jährige schon einen Gutteil des Standard-Opernrepertoires angeeignet und ist auch eine jener Dirigenten, die ein Werk schon mal ohne Proben über die Bühne bringen können. Diese Saison nimmt sie erstmals Wagners "Parsifal" in Angriff. International wird sie künftig wegen ihrer Hamburger Verpflichtungen keine großen Opern-, sondern vermehrt Konzertprojekte angehen.

Dass ihre Konzerte mit den Wiener Philharmonikern nun wieder unter das "Frauen in Männerbastionen"-Label gestellt werden, sieht sie nicht so gerne: Denn ihr erstes Konzert mit dem Paradeorchester "ist aufregend für mich als Dirigent, und nicht für mich als Frau. Es ist wirklich wurscht, ob da das erste Mal eine Frau am Pult steht. Das ist das am wenigsten Interessante." (APA)

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    Simone Young
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