Outsourcing: China und Indien wildern im gegnerischen Revier

16. November 2005, 09:19
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Indische IT-Konzerne suchen im Reich der Mitte nach günstigem Fachleuten

Im Duell um die Vorherrschaft auf dem internationalen IT-Markt hat Indien derzeit die Nase vorn. China ist den Unternehmen vom Subkontinent aber auf den Fersen. Beide Wachstumsmärkte haben ihren rasanten Aufstieg bisher vor allem den Geschäftsbeziehungen zu den westlichen Industrieländern zu verdanken. Nun wollen sie sich ein Stück vom Wachstumskuchen des jeweils anderen abschneiden. Das Handelsvolumen zwischen den beiden Ländern hat sich in den vergangenen sechs Jahren auf 13,6 Mrd. Dollar versiebenfacht. Konzerne auf beiden Seiten hätten Investitionen in den jeweils anderen Staat als strategische Marschrichtung entdeckt, berichtet die New York Times (NYT).

Nicht nur Profite im Fokus

Dabei haben es die Konzerne aber nicht nur auf Profite abgesehen, sondern auch auf die Spezialisten des Rivalen. Ein Trend, der sich laut NYT vor allem im IT-Bereich beobachten lässt. Der indische IT-Konzern Infosys etwa will in den kommenden Monaten rund 65 Mio. Dollar in seine Expansion nach China stecken. Innerhalb der kommenden zwei Jahre sollen 2.000 Computerspezialisten eingestellt und Forschungsstätten in Shanghai und Hangzhou eröffnet werden.

Entwicklungszentrum

"Wir werden China als globales Entwicklungszentrum nutzen, so wie wir das mit Indien machen", zitiert die NYT den Infosys-Manager Saikumar Shamanna. Die Konkurrenz, darunter etwa Tata und Wipro, beobachtet den Infosys-Kurs aufmerksam. Rivale Satyam hat bereits Pläne für den Bau eines Zentrums in Peking veröffentlicht. Dabei zielen die indischen Konzerne auch auf die zahlreichen und günstigen Fachkräfte aus dem Riesenreich.

Qualifizierte Fachkräfte mittlerweile Mangelware

In Indien wo aufgrund des rasanten Wachstums des Technologiesektors in manchen Regionen die Löhne um jährlich bis zu 25 Prozent klettern, sind hoch qualifizierte Fachkräfte mittlerweile Mangelware geworden. In China schließen dagegen jedes Jahr 400.000 Ingenieure ihr Studium erfolgreich ab, darunter viele Computerfachleute. Laut NYT ist zumindest ein Teil der Expansionspläne indischer IT-Firmen darauf ausgelegt, diese jungen Fachkräfte zu locken.

Umgekehrt

Umgekehrt suchen chinesische Branchenriesen wie etwa der Telekomausrüster Huawei nach Spezialisten vom Subkontinent. Huawei hat erst kürzlich 700 indische Softwarespezialisten an Bord geholt. "In Indien haben eine Menge Unternehmen bereits ein sehr hohes Niveau erreicht und wir wollen von ihnen lernen", erklärte Huawei-Manager Huang Ji.

"Chinesische Unternehmen sind an Business Process Outsourcing nicht wirklich gewöhnt"

Bisher haben die Inder bei den Investitionen im Nachbarland die Nase vorn. Sie leiden jedoch laut NYT unter einer besonderen chinesischen Eigenheit: Bei den chinesischen Unternehmen ist das Auslagern von IT-Services noch nicht so weit entwickelt wie auf den westlichen Märkten. Darüber hinaus arbeiten die chinesischen Unternehmen lieber mit ihren Landsleuten zusammen. "Chinesische Unternehmen sind an Business Process Outsourcing (BPO - Auslagern von Geschäftsprozessen, Anm. d. Red.) nicht wirklich gewöhnt", zitiert die NYT James Lin, den Chef von Infosys in China. Das könne noch eine Weile dauern.(pte)

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