Wer regiert in den Vororten?

18. November 2005, 10:29
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Die Assimilierungspolitik hat in Frankreich versagt - Kommentar der anderen von Amir Taheri

Wer lebt in den betroffenen Bezirken? Mehr als 80 Prozent der Bewohner von Clichy sind muslimische Immigranten oder Kinder von solchen, die meisten kommen aus Arabien oder Schwarzafrika. In anderen betroffenen Städten beträgt der Anteil der muslimischen Immigranten zwischen 30 und 60 Prozent. Aber das sind nicht die einzigen Zahlen, die relevant sind. Die durchschnittliche Arbeitslosenrate in den betroffenen Gebieten wird auf etwa 30 Prozent geschätzt, unter Jugendlichen im arbeitsfähigen Alter bis zu 60 Prozent.

In diesen Vorstädten, die in den 50er-Jahren entstanden und die den sowjetischen Sozialbauten der Stalinistischen Ära nachempfunden sind, leben Menschen auf engstem Raum, manchmal sind es mehrere Generationen in einer winzigen Wohnung, wo sie "echtes Leben in Frankreich" dann im Fernsehen sehen können.

Die Franzosen beglückwünschen sich häufig zum Erfolg ihrer Assimilationspolitik, die darauf abzielte, Immigranten egal welchen Hintergrunds zu "richtigen Franzosen" zu machen - und das, wenn möglich, innerhalb einer Generation. Diese Politik funktionierte, solange es nur wenige Immigranten gab, die leicht integriert werden konnten. Assimilation funktioniert aber nicht mehr, wenn der Anteil von Schülern mit französischer Muttersprache - wie in den meisten Schulen in den betroffenen Gebieten - unter 20 Prozent liegt. (...)

Das Ergebnis heißt Entfremdung. Was wieder radikalen Islamisten eine Möglichkeit bietet, ihre Botschaft religiöser und kultureller Apartheid zu verbreiten. Manche fordern sogar eine Reorganisation jener Gebiete auf Basis des "Millet"-Systems im Osmanischen Reich. In diesem Regime wird jede Religionsgemeinschaft zur "Millet", womit ihr das Recht zugestanden wird, ihre Kultur- und Sozialeinrichtungen mit ihrem Glauben in Einklang zu bringen.

In einigen Teilen Frankreichs ist das Millet-System de facto schon in Kraft. In diesen Gebieten sind alle Frauen verpflichtet, das islamistische "Hijab" zu tragen, während Männer ihre Bärte in der vom Scheich vorgeschriebenen Länge wachsen lassen. Die Radikalen erwirkten, dass französische Ladenbesitzer, die Wein, Alkohol und Schweinefleischprodukte verkauften, weggingen und auch, dass "Orte der Sünde" wie Discotheken, Kinos und Theater geschlossen wurden. In einigen Fällen sind sie auch in die Bezirksverwaltungen eingesickert und haben die Kontrolle übernommen.

Ein Journalist, der das vergangene Wochenende in Clichy und den angrenzenden Städten Bondy, Aulany-sous-Bois und Bobigny war, hörte vor allem eine allgemein gültige Botschaft: Die französischen Behörden mögen sich heraushalten! "Wir wollen einfach nur in Ruhe gelassen werden", sagt Mouloud Dahmani, einer der lokalen "Emire". Er ist auch einer der Verhandler, der die Franzosen davon überzeugen soll, die Polizei zurückzuziehen, damit ein Komitee, -, die meisten kommen aus der "Muslimischen Bruderschaft" -, das Ende der Feindseligkeiten ausverhandeln kann.

"Tickende Zeitbombe"

Präsident Chirac und Premierminister Villepin sind deshalb besonders betroffen, weil sie dachten, dass ihre Gegnerschaft zur Verhaftung Saddam Husseins im Jahr 2003 Frankreich ein Helden-Image unter den Muslimen verschaffen würde. Diese Illusion wurde jetzt zerstört, und die Chirac-Administration, die sich ohnehin in einer politischen Krise befindet, scheint auch keinerlei Ideen zu haben, wie man die Situation entschärfen könnte, die von der Pariser Tageszeitung France Soir als "tickende Zeitbombe" bezeichnet wird.

Offensichtlich ist jetzt jedenfalls, dass ein großer Teil von Frankreichs Muslimen es nicht nur ablehnt, sich der "überlegenen französischen Kultur" anzupassen, sondern sogar davon überzeugt ist, dass der Islam die beste Lebensform von allen sei. Was ist also die Lösung? Ein Weg, der von Gilles Kepel, einem von Chiracs Beratern für islamische Agenden, vorgeschlagen wurde, ist die Schaffung eines "neuen Andalusiens", in dem Christen und Muslime Seite an Seite leben, wodurch eine neue "kulturelle Synthese" geschaffen würde.

Der Haken an Kepels Vision ist, dass sie das wichtige Thema der politischen Macht nicht berührt: Wer soll dieses "neue Andalusien" regieren - Muslime oder die weit gehend säkularisierten Franzosen? Auf einmal lohnt es sich wieder, die politischen Vorgänge in Frankreich mitzuverfolgen, wenn auch aus den falschen Gründen. (DER STANDARD, Print, 9.11.2005)

Der iranischstämmige Publizist Amir Taheri gehört zu den renommiertesten Nahost-Experten. Seine Kommentare sind in den führenden Zeitungen der Welt erschienen. Wir bringen Auszüge aus einem Text, den er unlängst für die "Arab News" verfasst hat.

Übersetzung: Luzia Schrampf

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