Junge Migranten zwischen Optimismus und Job-Frust

18. Juni 2007, 17:53
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Trotz deprimierender Arbeitsmarktsituation herrscht bei jugendlichen Migranten in Ottakring Optimismus vor

Wien - Im ersten Stock der Volkshochschule Ottakring am Ludo-Hartmann-Platz steigt die Nervosität - ein Mathe-Test ist angesagt und die Schüler des Jugendbildungszentrums (JUBIZ) steuern ihre Plätze im Klassenzimmer an. Rund 130 Jugendliche aus 20 verschiedenen Nationen absolvieren in diesem Jahr einen Deutschkurs, einen Hauptschulabschluss-Lehrgang oder eine weiterführende Qualifizierung.

Von schwerer Frustration ist auf den hellen Gängen keine Spur. Auf die Proteste von jugendlichen Migranten in Frankreich angesprochen, reagieren die meisten ambivalent. "Ich verstehe sie, aber ich finde, dass die Proteste so nicht richtig sind", meint die 25-jährige Filiz. Vor drei Jahren ist sie aus der Türkei gekommen, wo sie ein Gymnasium besucht hat. Jetzt bereitet sie sich auf den Hauptschulabschluss vor, später will sie eine Lehre als Apothekerin machen.

Umgang mit Behörden lernen

"Unsere Zielgruppe sind Jugendliche zwischen 15 und 20 Jahren, die neu nach Österreich gekommen sind", erklärt Senad Lacevic, der als Sozialarbeiter am JUBIZ für die Betreuung der Jugendlichen über den intensiven Unterricht hinaus sorgt. Die Schüler lernen von Beginn an den Umgang mit Behörden und sozialen Institutionen, um möglichst gut auf den harten Kampf am Arbeitsmarkt vorbereitet zu sein.

Dieser ist nicht gerade einladend für junge Menschen: Bei den unter 25-jährigen erhöhte sich die Zahl der Arbeitslosen in Wien gegenüber dem Vorjahr um 1668 auf 10.605 Personen. Auf rund 2300 Lehrstellensuchende kamen im Oktober gerade 400 Angebote. "Wenn jemand arbeiten will, kann er es auch schaffen", zeigt sich Gholam dennoch zuversichtlich. Der 18-Jährige ist vor einem Jahr mit seinen Eltern und seinen zwei Brüdern aus Afghanistan geflüchtet und will nach dem Hauptschulabschluss eine HTL besuchten.

Die Realität sieht aber für die meisten JUBIZ-Abgänger nicht so rosig aus: Trotz tatkräftiger Unterstützung bei Bewerbungen bekommt nur etwa ein Drittel einen Job oder eine Lehrstelle - und es wird immer schwieriger. "Wenn sich das weiter verschärft, könnte es auch in Österreich zu Protesten kommen," glaubt Lacevic. Welche Formen sie annehmen, sei nicht absehbar.

Gegen Panikmache

Etwas gelassener sieht Hikmet Kayahan, Leiter der ZARA-Beratungsstelle für Opfer von Rassismus und ehemaliger JUBIZ-Leiter, die Situation: Ausschreitungen wie in Frankreich seien in Österreich "undenkbar". In Wien gebe es keine Gettos, wenn auch eine Konzentration der migrantischen Wohnbevölkerung, das hänge aber mit der Wohnpolitik zusammen. "Die politischen Stimmen, die Gesetze verschärfen wollen, damit so etwas nicht passieren könne, muss man als rassistische Hetze definieren", spricht sich Kayahan gegen Panikmache aus. Die Politik sei gefordert, Perspektiven zu schaffen. Das ginge nur mit mehr Investitionen für Bildung statt Abbau von Lehrerposten.

Mit Einsparungen hat auch das JUBIZ zu kämpfen: Obwohl es doppelt so viele Anmeldungen wie Plätze gibt, ist die Finanzierung vonseiten des Bundes für das nächste Jahr noch nicht gesichert - weil das Unterrichtsministerium der Meinung ist, dass das Innenministerium zuständig sei. "Das ist bezeichnend für die Integrationspolitik", bemerkt Mario Rieder, Bildungszentren-Leiter in Ottakring.

Dass sein Anliegen - den Jugendlichen eine Stütze zu sein und ihnen das Gefühl zu geben, willkommen zu sein - aufgegangen ist, zeigt der Optimismus der Jugendlichen. Zumindest hier am JUBIZ ist der Mathe-Test wichtiger als die Unsicherheit über die Zeit nach der Ausbildung. (Karin Krichmayr, DER STANDARD Printausgabe, 09.11.2005)

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    foto: standard/corn
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