Europas Finanzminister gegen Zinserhöhung

14. November 2005, 20:23
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Während der Euro auf Talfahrt ist, appellierten die Finanzminister der Eurozone an EZB-Präsident Trichet, die Zinsen nicht zu erhöhen

Brüssel/Wien - In beispielloser Deutlichkeit haben die Finanzminister der Euro-Zone die unabhängige Europäische Zentralbank (EZB) aufgefordert, auf eine Zinserhöhung in nächster Zeit zu verzichten. Der Vorsitzende der Euro-Gruppe, Luxemburgs Regierungschef Jean-Claude Juncker, sagte nach einem Treffen der zwölf Minister mit EZB-Präsident Jean-Claude Trichet: "Wir haben die EZB daran erinnert, dass sie keine überhasteten Entscheidungen treffen soll."

Die Finanzminister sähen in den nächsten Monaten keine Anzeichen für eine Lohn-Preis-Spirale wegen der steigenden Ölpreise.

Auch Österreichs Finanzminister Karl-Heinz Grasser, der Junckers Stellvertreter ist, appellierte an die EZB, "mit ruhiger Hand zu agieren". Er rief aber auch die Sozialpartner in Österreich zur "Mäßigung in der Lohnpolitik" auf. Damit könne ein "klares Signal der Entspannung an die EZB" gegeben werden. In diesem Zusammenhang kritisierte Grasser am Dienstag in Brüssel den im September erzielten Abschluss der Metaller in Höhe von 3,1 Prozent als zu hoch (siehe dazu auch Artikel Grasser ruft Sozialpartner zu Mäßigung wegen Inflation auf).

Trichet erklärte nach dem Treffen: "Die Zinsen können jederzeit geändert werden, ich habe dem nichts hinzuzufügen."

Euro von Unsicherheit belastet

Die Unsicherheit über den Zeitpunkt einer Zinserhöhung beschleunigte die Talfahrt des Euro und schickte den Kurs der europäischen Gemeinschaftswährung auf den tiefsten Stand seit zwei Jahren. Auch die langen Regierungsverhandlungen in Deutschland und die Unruhen in Frankreich würden den Euro belasten, so die Zins- und Währungsexpertin der BA-CA, Birgit Dörfler, zum STANDARD. Unklar sei zudem, wie schnell sich die Konjunktur in Deutschland erholen kann. Das alles schaffe Vertrauensprobleme, sollte aber zu keiner nachhaltigen Euro-Schwäche führen. Keinen weiteren Abwärtstrend erwartet auch Josef Christl, Direktor der Oesterreichischen Nationalbank. Bis Jahresende sollte der Euro sich wieder stabilisiert haben. (Alexandra Föderl-Schmid, Bettina Pfluger, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.11.2005)

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