Überlebenden droht der Kältetod

10. November 2005, 21:06
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Einen Monat nach dem Beben hat sich die Opferzahl auf deutlich mehr als 87.000 erhöht

Für hunderttausende Überlebende fehlt – kurz vor Wintereinbruch – fast jede Hilfe. Islamabad – Einen Monat nach der Erdbebenkatastrophe in Kaschmir ist die Zahl der Todesopfer auf 87.350 gestiegen. Das teilte das pakistanische Finanzministerium am Dienstag in Islamabad mit.

Höhere Opferzahl

Einer gemeinsamen Zählung der Weltbank und der Asiatischen Entwicklungsbank zufolge seien in Pakistan nicht, wie bisher angenommen, 73.000 Menschen ums Leben gekommen, sondern 86.000. Im indischen Teil Kaschmirs kostete das Beben vom 8. Oktober 1350 Menschen das Leben. Grund für den Anstieg sei die Bergung vieler weiterer Leichen aus den Trümmern, sagte ein Sprecher des Finanzministeriums.

Außerdem seien die Bergungskräfte erst jetzt zu einigen entlegenen Gebieten durchgedrungen, da diese aufgrund von Erdrutschen und Nachbeben zuvor nicht zugänglich waren. Vermutlich werde die Zahl der Todesopfer noch weiter steigen.

Spendenaufrufe

Für die Überlebenden in der Krisenregion wird die Not immer größer, das Erdbeben hat mehr als drei Millionen Menschen obdachlos gemacht. Die Vereinten Nationen haben neuerlich zu weiteren Spenden aufgerufen. Mehr als 350.000 Menschen seien vor dem Winter dringend auf Hilfe angewiesen, erklärte der UN-Koordinator für humanitäre Einsätze, Jan Egeland. Dafür würden umgerechnet noch knapp 36 Millionen Euro benötigt. Bald wird es für diese Mittel, sollten sie überhaupt noch kommen, zu spät sein. Wegen der mangelnden internationalen Hilfsbereitschaft droht zehntausenden Menschen, die das Beben notdürftig überlebten, nun doch noch ein elender Tod.

Wintereinbruch

In den kommenden Tagen ist für die Bergregion der Einbruch des Winters vorhergesagt. Prognosen zufolge wird er außergewöhnlich hart. Viele sind Schnee und Eiseskälte schutzlos ausgeliefert. Egeland warnt: „Wenn die Menschen nächstes Jahr tot sind, hat der Wiederaufbau keinen Sinn.“

Präsident verzweifelt

Auch der pakistanische Präsident Pervez Musharraf reagiert zunehmend verzweifelt. Der BBC sagte er, das Ausmaß des Elends sei viel größer als beim vorjährigen Tsunami in Asien. Die Flutwellen hätten viele Touristen aus dem Westen getroffen, was die Spendenbereitschaft in enorme Höhen getrieben habe. Nun seien arme Menschen in einer entlegenen Region betroffen. „Ich bitte die Welt zu erkennen, dass es diese Leute sind, die Hilfe viel dringender brauchen, weil sie arm sind und viel harscheren Bedingungen ausgesetzt sind.“

Das katholische Hilfswerk „Misereor“ allerdings hat Zweifel, ob die dringend benötigten Mittel noch zusammenkommen, bevor es zu spät ist. Das Beben drohe eine „vergessene Katastrophe“ zu werden. Die Spendenbereitschaft für die Opfer sei „dramatisch gering“, kritisiert Misereor. „Die Katastrophe ist auf dem Weg, aus dem Bewusstsein zu verschwinden.“ (AP, dpa, DER STANDARD Printausgabe, 09.11.2005)

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