Abzockvorwurf: Ölmultis am Pranger

10. November 2005, 10:04
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Exxon, Chevron, Shell, BP und andere Konzerne müssen sich vor dem US-Senat verantworten - Sie werden des organisierten Wuchers verdächtigt

120 Milliarden Dollar – das entspricht etwa dem Bruttoinlandsprodukt von Portugal. Es ist aber auch die Summe, welche die acht größten Ölkonzerne der Welt in diesem Jahr netto verdienen werden. Exxon Mobil – in Europa als Esso bekannt – vermeldete im dritten Quartal den höchsten Gewinn, den je ein Ölunternehmen erwirtschaftet hat. Der Marktführer nahm jeden Tag 100 Millionen Dollar ein – mehr, als zwei Drittel aller Staaten weltweit an Bruttoinlandsprodukt (BIP) vorweisen können. Die niederländisch-britische Royal Dutch Shell verdiente neun Mrd. Dollar, ein Plus von 68 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Nie war die Rede vom Öl als flüssigem Gold zutreffender als heute. Die Branche verdient an den anhaltend hohen Rohölpreisen: Die Förderkosten belaufen sich auf maximal 20 Dollar pro Fass – der Marktpreis liegt derzeit bei rund 60 Dollar. Die Wirbelstürme im Süden der USA und geopolitische Krisen spielen bei der Preisentwicklung nur eine untergeordnete Rolle, sagt der Analyst Phil Flynn. "Wenn wir jetzt so tief in die Tasche greifen müssen, dann liegt das an der weltweit steigenden Nachfrage – die haben alle unterschätzt!"

Topverbraucher USA

Die Amerikaner verbrauchen immer noch so viel Energie wie keine andere Nation: 20 Millionen Barrel Erdöl pro Tag, ein Viertel des weltweiten Bedarfs. Das rohstoffhungrige China holt jedoch auf: Allein in Peking kommen jeden Tag 1500 neue Autos auf die Straße – Tendenz weiterhin steigend, sagt Phil Flynn: "Die Welt wird vielleicht schon Ende dieses Jahres zum ersten Mal mehr Öl verbrauchen, als sie jeden Tag fördern kann."

Hinzu kommen wachsende Engpässe bei der Verarbeitung. Veraltete Raffinerien mit zu geringen Kapazitäten sind vor allem in den USA ein Problem. Der Energiebedarf der Amerikaner ist in den letzten zehn Jahren um zwölf Prozent gestiegen, während die heimische Erdölverarbeitung gerade einmal um ein halbes Prozent zulegte. Seit 1979 sind keine neuen Raffinerien gebaut worden. Es gilt als offenes Geheimnis, dass die Ölkonzerne nicht genug in neue Anlagen investieren, um die Preise und also auch den eigenen Profit hochzuhalten.

Organisierter Wucher

Amerika schaute dem Treiben lange zu. Erst die rezente Preisentwicklung an den Tankstellen hat das Land hellhörig werden lassen. Der Verdacht des organisierten Wuchers macht die Runde. Die Verbraucherschutzorganisationen laufen Sturm, auch die Politiker sind hellhörig geworden. Der Unterausschuss für Ermittlungen des Senats hat die Bosse der Ölkonzerne zum Rapport bestellt. "Die Ölgiganten verhalten sich wie Banditen, während die durchschnittliche amerikanische Familie durch hohe Benzinpreise und demnächst hohe Heizölpreise zerstört wird", schimpft Charles Schumer, demokratischer Senator aus dem Bundesstaat New York.

Und Bill Frist, der Fraktionsvorsitzende der Republikaner, erklärt: "Wenn es welche gibt, die das System der freien Marktwirtschaft zum eigenen Vorteil auf Kosten aller Amerikaner missbrauchen, sollten sie öffentlich genannt werden, und sie sollten sich schämen." Im Mittelpunkt der politischen Überlegungen steht eine Zusatzsteuer für die Energieunternehmen, ähnlich wie sie 1980 die Carter-Regierung durchsetzte. "Eine derartige 'windfall tax' würde jeden Mineralölkonzern mit zusätzlichen drei bis vier Milliarden Dollar pro Jahr besteuern", schätzt Philip Verleger, Volkswirt am Institute for International Economics.

Wie die Einnahmen verwendet werden sollen, ist noch umstritten. Der demokratische Senator Jack Reed forderte die Ölkonzerne auf, zehn Prozent ihrer Gewinne zu einem staatlichen Heizkostensubventionsprogramm für arme Amerikaner zur Verfügung zu stellen. Andere wollen die Steuern auf Benzin senken oder einen Fonds schaffen, der den von den Wirbelstürmen betroffenen Südstaaten zugute käme.

Begrenzte Vorkommen

George W. Bush, vor seiner politischen Karriere selber ein texanischer Ölmann, und sein Energieminister Samuel Bodman lehnen eine solche Steuer ab. (Im Wahlkampf 2000 spendete die Energieindustrie 16 Millionen Dollar an den amtierenden Präsidenten.)

Die Ölmultis investieren ihre Rekordgewinne derweil in die Erforschung potenzieller Ölfelder und in die Ausbeutung bekannter Vorkommen. Das Potenzial ist allerdings begrenzt: Die mit heutiger Technik nachweisbaren und rentablen Vorkommen reichen nur noch für 50 Jahre. (Beatrice Uerlings aus New York, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.11.2005)

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    Sowohl Demokraten als auch Republikaner empören sich in den USA über die Unternehmenspolitik der Ölmultis.

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